Dienstag, 25. Oktober 2022
Das alte Lied - noch immer
Beim Spaziergang auf dem Deich kommen mir zwei Männer entgegen. Sie gehen dicht neben einander, der eine etwas nach hinten versetzt. Sie halten sich an den Händen. Als der Abstand zwischen mir und ihnen etwa fünf Meter beträgt, lässt der eine Mann die Hand des anderen los. Ansonsten ändern sie nichts. Als wir auf einer Höhe sind, sehe ich aus dem Augenwinkel, dass sie sich wieder anfassen.

Wir haben eine schlimme Geschichte der Homosexualität hinter uns. Schon nach der Reichsgründung 1871 wurden homosexuelle Handlungen nach § 175 StGB bestraft, 1935 verschärften die Nazis den § und drohten mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren. Zudem wurden homosexuelle Männer in Konzentrationslagern eingesperrt, gefoltert und teilweise ermordet.

Auch nach 1949 bestand der § in der Bundesrepublik weiter, bekamen Männer Freiheitsstrafen. Erst 1969 gab es eine Reform, nach der Beziehungen von volljährigen Männern (über 21 Jahre) straffrei blieben. 1994 wurde der § ganz abgeschafft.

Die Verfolgung wurde bis 1969 unterschiedlich streng praktiziert. Im Lauf der Jahre gab es immer weniger Freiheitsstrafen. Vielfach wurde gar nicht mehr verfolgt. Grund war die allgemeine liberalere Gesellschaftsentwicklung. Aber nicht nur die Justiz sorgte über Jahrzehnte für die Stigmatisierung und Bestrafung Homosexueller, sondern auch die öffentliche Meinung. Sie wurden am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche, allgemein diffamiert. Das wirkt noch immer nach.

Der Beweis war das Paar auf dem Deich. Sie trauten sich nicht, offen zu ihren Partner zu stehen. Sie konnten ja nicht wissen, ob ich liberal bin oder nicht. Sie fürchteten was? Dumme Bemerkungen, Pöbelei, einen tätlichen Angriff. Kommt alles noch immer vor. "Du Homo", ist unter Jugendlichen noch immer ein Schimpfwort. Viele ältere Männer verstecken sich noch immer in der Öffentlichkeit, sogar in der eigenen Wohnung.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Theorie und Praxis bei der Müllabfuhr - Oder: Morgenstern aktuell
Neulich war unsere Mülltonne nach der Abfuhr noch halb voll. Mein Verdacht, dass irgendetwas die Tonne verstopfte, bestätigte sich nicht. Der Rest ließ sich mühelos umrühren. Nun wollte ich einen alten Farbeimer entsorgen, der die Tonne für die nächste Woche blockiert hätte. Beim Recycling-Hof erhielt ich die Auskunft, ich könne den Fall telefonisch der Bremer Stadtreinigung melden, dann würde die Tonne gelehrt.

Mein Anruf bei der "Service"-Nummer blieb insofern erfolglos. Die Frau klang schon am Angang des Gesprächs etwas unwirsch. Ich brachte meine Bitte vor. Nun hätte sie sagen können: "Das machen wir nicht, das ist zu teuer." Hätte ich wahrscheinlich resigniert. Stattdessen hielt sie mir einen langen Vortrag, DASS die Tonne leer sein müsse, - "Schwerkraft, sagt Ihnen das was?" - dass ich die Tonne zu fest gestopft hätte, ich also selber schuld sei, ich müsse die volle Tonne mit einem Spaten umrühren, dann KÖNNE so etwas nicht passieren.

Mein Einwand, dass das wohl theoretisch richtig sein könne, praktisch aber falsch WAR, ließ sie nicht gelten. Ich legte mit einem kurzen "Tschüß" auf.

Mir fiel die Gedichtzeile von Christian Morgenstern ein: "Was nicht sein darf, auch nicht sein kann." Vor etwa hundert Jahren geschrieben. Dass auch eine Theorie falsch sein muss, wenn die Praxis ihr widerspricht, kommt in diesem bornierten Denksystem nicht vor.

... link (1 Kommentar)   ... comment