Freitag, 28. Februar 2020
Eine Reise durch das Land der Gegensätze: Marocco 2012 (7)
Sehr wenig geschlafen. Morgens erhöhte Euphylong-Dosis wegen meiner Atemnot. Damit geht’s einigermaßen. Wir fahren in die Thodra-Schlucht. Landschaft zwischen Boumalne und Tinerir ist ganz anders: sehr weit und fast platt, ich vermute Schwemmland aus den Bergen von den beiden Flüssen abgetragen und hier abgelagert. Einmal nehmen wir einen Alten in Djelabba und Käppi mit, will wohl zum Markt.

Die Palmeraie hinter Tinerir ist für mich überraschend grün, na ja wie alles diesmal. Vor einem Haus hocken zehn bis zwölf Frauen um eine Schüssel und löffeln Couscous. Wir fahren durch bis zu den Hotels, stellen das Auto ab. Wenige Händler. Einer verspricht, aufs Auto aufzupassen, ich rechne damit, dass er hinterher Bakschisch haben will – ist aber nicht!
Wir gehen weiter durch die Schlucht und den Berg hoch. Wetter ist wunderbar: knallblauer Himmel, kaum Wind, aber immer noch kühl, wo die Sonne nicht hinkommt. Hinter der Schlucht wird’s kahl, nur im Flussbett einzelne Palmen und Sträucher. Die Straße schlängelt sich scheinbar unabsehbar hoch ins Gebirge.



Nach etwa einer Stunde kehren wir um, trinken noch etwas im Café, beobachten die Pauschal-Reisebusse bzw. ihre Insassen, die Leute im Café und am Stand gegenüber. Einer spricht uns an: woher? Erklärt, dass der Ruf des Muezzin aus dem Radio kommt, aber live!

Sehr viele Bockfahrer unterwegs aus verschiedenen Ländern, fahren überwiegend große BMW-GS.
Als wir losfahren, fragt uns der aus dem Café, ob er mitfahren darf. Ja, lachend, wenn er nichts verkaufen will. Gerhild gibt’s ernsthaft weiter, tut ihr hinterher Leid. Er fährt mit bis ins nächste Dorf, bedankt sich freundlich. Naja!

Auf der Rückfahrt fällt mir am Auto ein ziemlich laut dröhnendes Geräusch auf, wie ein defektes Lager. An Reifen und Lenkung kann ich nichts feststellen. Wenn das man gut geht!

Wir essen zusammen ein Omelette Berbère, ein Berber-Omelette, dann etwas lesen und schreiben. Gerhild führt mich in die geordnete Wildnis im Flussbett. Wir balancieren auf den kleinen Wällen zwischen den Feldern – oder besser Beeten? -, mit denen die Bewässerung reguliert wird. Getreide, Wildrosen, Schilf, Mandel- und Feigenbäume, alles über- und untereinander. Fieges Nutzvorgarten in Kiel scheint das Vorbild gegeben zu haben. Dazwischen sind Frauen emsig und schneiden Viehfutter oder Schilfrohr. Die Balanciererei in gebückter Haltung strengt mich sehr an, und ich schlage vor umzukehren.

Im Souterrain des Hotels probt der Frauengesangverein (Gerhild vermutet etwas Religiöses): eine Vorsängerin stimmt an, und der Chor verfällt in einen ziemlich eintönigen Singsang. Später kommen sie heraus, entdecken uns auf der Terrasse: „Bon jour, ça va? Quel est votre nom?“ Gekicher! Alte und Junge zerstreuen sich mit ihren Mappen unterm Arm in unterschiedliche Richtungen. Wir lesen eine Runde bis zum Abendessen.

Vorm Haus ein Kleiner: „Bonbon? Dirham? – Non.“ Später kommt er mit zwei Halbwüchsigen zurück, die € in Diham umtauschen wollen. Ich willige ein, und sie sind sogar sofort mit meinem Wechselkurs einverstanden. Eben kommen zwei Knirpse: „Stylo? – Non.“ Gelegentlich, wenn Kinder um Bonbon bitten, opfert Gerhild eins ihrer saugesunden Kaugummis.

Mir fällt noch mal der Junge von gestern ein, den wir mitgenommen haben, obwohl er nur Geld wollte. Als wir den geforderten siebenten DH nicht hatten, grenzenlose Enttäuschung im Gesicht, dabei hatte er sechs Dirham bekommen. Wie kommt das nur?

Auch der Mitschnacker in Mulai Brahim hatte am Ende diese enttäuschte Miene, statt zu sagen: „OK, ist nicht die Taube, aber immerhin der Spatz.“ Der Grund liegt womöglich in einer tief sitzenden Resignation, die aus der Armut und der ausweglosen Lage ohne Hoffnung resultiert, eine jahrhundertelange Erfahrung. Camus beschreibt das ähnlich in „Der erste Mensch“. Die Enttäuschung kommt wohl aus der Verzweiflung. Das ist auch das, was ich Gregor zu vermitteln versuchte, als er damals in Marrakesch den bettelnden armen Irren verhöhnte. Wir verwöhnten, reichen Europäer – und in den Augen der Afrikaner sind wir alle reich – können diese Verzweiflung wohl gar nicht nachvollziehen. Aber etwas Empathie sollten wir aufbringen können.

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