Dienstag, 1. Oktober 2024
Mittelalterliche Medizin und Wikipedia
In bestimmten Hochschulkreise wird verachtungsvoll auf Wikipedia herabgeguckt. StudentInnen dürfen z.B. in ihren Arbeiten nicht aus Wikipedia zitieren. Eine Rückfrage bei diversen Wissenschaftlern ergab: Zitate aus Wikipedia sind legitim, wenn die aktuellste Fassung zitiert wird. Natürlich müssen Zitate – genau wie aus Fachbüchern - kritisch geprüft werden.

Woher kommt die überhebliche Ablehnung durch besagte Hochschulkreise? Im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit war die Sprache der Wissenschaft Latein. Das hatte den Vorteil, dass über alle Sprachgrenzen Wissenschaftler sich in ganz Europa verständigen konnten. Der Nachteil war, dass außer Wissenschaftlern niemand die Wissenschaft verstehen konnte. Das setzt sich in der Medizin bis heute fort. Versuchen Sie mal einen Arztbrief zu verstehen!

Für die Medizin war das konstituierend. Die Ärzte grenzten sich durch ihre Sprache nicht nur von der Allgemeinheit ab, sondern auch von der Konkurrenz der traditionellen Heiler. Die wurden – trotz ihrer jahrhundertealten Kenntnis von Kräutern, Pilzen, anderen Pflanzen und besonderer Methoden – als Quacksalber denunziert. Das setzt sich bis in die Gegenwart fort, wenn Homöopathie, chinesische Medizin, überhaupt alle „alternativen“ Heilmethoden abgelehnt werden. Und da wird auch alles in einen Topf geschmissen. Die wissenschaftlich fragwürdige Kraft der Globuli wird in eins gesetzt mit Akkupunktur und Osteopathie. Grund dafür ist die Konkurrenz der klassischen Medizin zur alternativen.

Ähnlichkeiten mit der Debatte um Wikipedia sind offensichtlich und nicht zufällig. Die traditionelle Wissenschaft diente der individuellen Reputation der Wissenschaftler. Kollektiv entstandene Examensarbeiten werden nur akzeptiert, wenn bestimmte Teile Individuen zugeschrieben werden können.

Ganz anders Wikipedia: Das gesellschaftlich Wissen wird durch Schwarmintelligenz hergestellt. JedeR kann dazu beitragen, ohne namentliche Nennung. Die Autorenschaft ist aus juristischen Gründen nur Wikipedia bekannt. Im Internet tauchen die Autoren nur als Chiffren auf. JedeR kann einen Eintrag ändern, wenn er / sie gute Gründe hat und Quellen angeben kann. Geprüft wird das durch Fachleute, die ebenfalls dem/der LeserIn namentlich unbekannt bleiben.

Ich fand z.B. bei einem Eintrag eine falsche Jahreszahl. Über den Button „bearbeiten“ korrigierte ich den Fehler. Am nächsten Tag stand da wieder das falsche Datum. Dann korrigierte ich die Zahl erneut und notierte in eckigen Klammern meine Quelle. Seit dem steht die richtige Jahreszahl im Text.

Mehr Sicherheit und Sorgfalt geht nicht. Warum wird Wikipedia trotzdem von den zitierten Hochschulen
abgelehnt? Mein Verdacht: Konkurrenz.

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Montag, 30. September 2024
Wer ist unpolitisch und ungebildet
Neulich tauchte in einer Diskussion die Frage auf: Was ist ein unpolitischer Mensch?
Der Frager antwortete selbst: Ein unpolitischer Mensch ist jemand, der Kennedy für eine Cognac-Marke, die UNO für eine Strumpfmarke und die FDP für eine freie demokratische Partei hält.

Zu ergänzen wäre die Frage nach einem ungebildeten Menschen: Jemand, der den Dreisatz für eine Leibesübung hält.

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Newton - in Libyen unbekannt
Vor Jahren, noch zu Gaddafis Zeiten, war ich in Libyen, der Wüste wegen. An einer bestimmten Stelle der Sahara gibt es eine Besonderheit: Wenn man die oberste weiß-gelbe Sandschicht zur Seite schiebt, kamen zu meinem Erstaunen Schichten von farbigen Sanden zum Vorschein. Meine Frage an den libyschen Reiseführer nach der Ursache der Färbung beantwortete dieser mit: „Das hat Allah so gewollt.“

Mich konnte diese Frage – ich bin Atheist – keinesfalls befriedigen. Ich fragte also nach der Reise einen befreundeten Geografen, der mir Auskunft gab: „Das sind verschiedene farbige Minerale, die den Sand färben.“ Aha, dachte ich, das leuchtete mir ein.

Die Antwort des Reiseführers wäre auch in Mitteleuropa vor 1700, also z.B. vor Isaak Newton, befriedigend gewesen. Nicht erklärbare Phänomene wurden schlicht der Absicht Gottes zugewiesen. Seit Newton (1642 – 1726) und anderen gab es ein neues Zeitalter, in dem die Forscher sich nicht mehr damit zufrieden gaben. Sie gingen den Phänomenen auf den Grund, erkannten die Gesetzmäßigkeiten der Natur. Newton gab sich nicht mit der Tatsache zufrieden, dass ein Apfel vom Baum auf die Erde fällt, sondern er fand heraus, dass die Erdanziehung der Grund dafür ist.

Das war der Beginn des neuzeitlichen wissenschaftlichen Denkens. Wissen ersetzte die Religion, um die Welt besser zu verstehen. Das Zeitalter des Glaubens wurde vom Zeitalter der Wissenschaft abgelöst. Allerdings nicht gänzlich. Auch heute erklären sich fundamentalistische Protestanten, Kreationisten, Verschwörungsideologen und Esoteriker die Welt mit den Glaubenssätzen.

Der libysche Reisführer gab sich mit dem zufrieden, was der Koran sagte - in dem er übrigens jeden Abend las, bis es dunkel wurde, ein Fakt, den der Mann auch nicht hinterfragte.

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Donnerstag, 19. September 2024
Verschleierung durch Sprache
Auch der Euphemismus verschleiert die wahren, meist schrecklichen Verhältnisse. (s. miniaturen vom 25.11.22) Es gibt aber noch finsterere Verschleierungen.

Eine davon ist die Seuche. Die Dumpfbacken in den Medien machen immer neue Seuchen aus. Ich schrieb davon schon früher: miniaturen 04.03.24, 04.02.24, 02.03.19. Es ist klar, dass Blindgänger und andere Sprengstoffe, Chemikalien und Nuklearstrahlung keine Seuchen sind. Was ist denn dann eine Seuche? Z.B. die Pest, oder BSE oder Covid 19, Cholera oder… Die meisten davon sind bei uns in Mitteleuropa und zum Glück auch in anderen Weltgegenden, zumindest den zivilisierten, durch Forschung und Medizin besiegt, obwohl sie natürliche .Ursachen haben, Bakterien, Bazillen, Viren. Sie breiten sich häufig mit rasender Geschwindigkeit aus, zumal wenn ihre Verursacher unbekannt sind.

.Die anderen „Seuchen“ haben keine natürlichen Verursacher, sondern sind ausschließlich menschengemacht. Wir kennen die Verursacher und können leicht etwas dagegen unternehmen. Sie zu Seuchen zu erklären, gibt ihnen den Anschein, als seien sie „natürlich“ und man könne nichts machen. Das verschleiert die wahren Verhältnisse und alle Anstrengungen dagegen sind machtlos.

Die andere Form der Verschleierung ist das neue Wort „ableistich“. Ich musste es erst googeln, weil weder meine Bildung noch das Lexikon mir halfen. Und was kam dabei heraus? Ableistisch ist schlicht und ergreifend behindertenfeindlich. Das klingt nun wirklich fies. Das neue Schlagwort banalisiert den Tatbestand. Behindertenfeindlichkeit, das gehört sich nicht, ableistisch versteht niemand, nicht mal mein Rechtschreibprogramm. Dann kann es also wohl nicht so schlimm sein, banalisiert also.

Die dritte Verschleierung betrifft das Wort „antisemitisch“. Wieso das denn? Da muss man etwas weiter ausholen. Als Semiten werden diverse Ethnien bezeichnet, die semitische Sprachformen sprechen. Dazu zählen Juden, Äthiopier, Eritreer und, ja, Araber! Im allgemeinen Sprachgebrauch werden dazu nur Juden gezählt. Das genau ist die Verschleierung: Man sagte lieber nicht Juden, denn der Begriff wurde als Schmähwort verstanden. Also sagte man stattdessen Israeliten, Alttestamentarier oder eben Semiten. Dass damit auch die Araber gemeint sind, wissen die wenigsten Zeitgenossen.

Man sagt also antisemitisch, statt judenfeindlich. Judenfeindlich klingt so böse, dann lieber antisemitisch. Man verschleiert also den „unschönen“ Begriff durch eine Neuschöpfung, die zudem noch unsinnig ist, trifft sie doch nicht nur die Juden sondern ebenso die Araber.

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Mittwoch, 11. September 2024
Gutes altes Gymnasium
1963 habe ich Abitur gemacht und entschloss mich, Germanistik zu studieren. Was mich dazu motivierte? Einfach mein Interesse an Literatur.

Ich kaufte mir als erstes die damals aktuelle „Geschichte der deutschen Dichtung“ von Fricke/Klotz, Ausgabe von 1962. Hier stellte ich schnell fest, dass meine bis dahin angesammelte Kenntnis über deutsche Literatur offensichtlich sehr lückenhaft war. Ich schaute in den Fricke/Klotz nach, welche Autoren für die Zeit seit 1900 dort verzeichnet sind. Ich stellte fest: meine Schullektüre der epischen Literatur hatte fast keins der aufgezählten Werke zum Inhalt.

Ich fand die Autoren Borchert, Dürrenmatt, Frisch, Brecht, Zuckmayer, Walser, Aichinger, Lenz, Böll, Schnurre, Andersch, Koeppen, Schmidt, Frank, Zweig, Seghers, Brot, Musil, Kafka, Jünger, Anders, Nossack, Gaiser und Kreuder. Außer Böll und Borchert, von denen wir je eine Kurzgeschichte gelesen hatte, gehörte kein Autor zu unserer Schullektüre.

Die Aufzählung lässt die Frage offen, was denn überhaupt im Unterricht vorkam. Ich erinnere mich an Goethe (vor allem exzessiv der „Faust“), Schiller, einige Romantiker, nicht einmal die zweite Hälfte es 19. Jahrhunderts wurde berücksichtigt.

Wir waren also denkbar schlecht auf ein Germanistik-Studium vorbereitet. Nicht zufällig wählten auch nur zwei von uns dieses Fach. So war sie „die gute alte Zeit“ des Gymnasiums.

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Donnerstag, 15. August 2024
Rechnungshöfe haben keine politische Kompetenz
Fachleute wussten es schon lange: Die Rechnungshöfe sind nicht dazu da, politische Inhalte zu bewerten. Ihre eigentliche Aufgabe ist, die Wirtschaftlichkeit von staatlicher Förderung zu prüfen.

Das Gutachten des Mainzer Rechtsprofessors Friedrich Hufen belegt es erneut. Der sächsische Landesrechnungshofs war zu dem Ergebnis gekommen, dass staatlich geförderte Projekte „neutral“ sein müssten und keine parteilichen Programme durchführen dürfen. Und das ist falsch.

Politische Bildung wird fälschlich von Gegner als Indoktrination verstanden. Sie ist das Gegenteil. Politische Bildung heißt, ein Thema zu so zu ventilieren, dass die Teilnehmenden sich schließlich ein eigenes Urteil bilden können. Dabei muss der politische Bildner selbst nicht „neutral“ sein. Schon deswegen nicht, weil der Lehrende kein Neutrum ist und es die reklamierte Neutralität objektiv nicht gibt, nicht geben kann.

Politische Bildung heißt auch, gegen die modischen Trends zu informieren. Sie stellt die geforderte Pluralität der Meinungen überhaupt erst her, indem sie alternative Sichtweisen vorstellt. Neutralität würde bedeuten, dass der Lehrende sich selbst verleugnet, für die Lernenden nicht als Individuum erkennbar ist. Soll er authentisch erscheinen, muss er eine eigene Meinung haben. Er muss seine Meinung als EINE mögliche darstellen, nicht jedoch als die einzig mögliche. Und er muss Raum dafür lassen, dass die Teilnehmenden sich eine eigene Meinung bilden KÖNNEN.

Schon vor fünfzig Jahren verwies das Bundesverfassungsgericht den Bundesrechnungshof in seine Schranken. Dieser wollte der Naturfreundejugend die Förderung verweigern, weil diese klar politisch Stellung bezogen hatte. Das konnte der sächsische Landesrechnungshof natürlich nicht wissen, denn den gab es von fünfzig Jahren noch nicht.

„Man könnte auch sagen: Anstiftung zur Mündigkeit.“ – „Klingt nach `ner Menge Arbeit.“
Schotty in „Der Tatortreiniger – Schottys Kampf“

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Donnerstag, 25. Juli 2024
Sind Politiker beratungsfähig?
Als die niedersächsische Landesregierung, bzw. Kultur- und Sozialministerien sich daran machten, der politischen Bildung den Garaus zu machen (Schließung von Jugendbildungsstätte, sogar der Landeszentrale für politische Bildung) warnten Pädagogen und Politologen dringend davor. Sie prophezeiten, dass das dazu führen würde, die Jugend zu entpolitisieren und zu radikalisieren. Ist beides eingetreten, wie die Ergebnisse der Europawahl dieses Jahr belegen.

Ein ulkiger Nebenschauplatz war eine Diskussion mit dem Landesjugendamt (LJA) in einer der Jugendbildungsstätten. Uns wurde vorgeschlagen zur Schärfung unseres Profils Politikberatung ins Programm zu nehmen. Das war nun die Predigt vor der falschen Gemeinde. Wann immer wir politische Ratschläge oder Empfehlungen vorbrachten, wurde die lächelnd abgelehnt. Sie z.B. oben.

Ein anderes Beispiel war die Warnung von Medienpädagogen vor der Privatisierung des Fernsehens. Ebenfalls einfach in den Wind geschlagen. Und da kommt der Herr K. vom LJA und schlägt uns Politikberatung als förderungsfähiger Teil unseres Programms vor. Ich glaube, ihm selbst war die Absurdität des Vorschlags nicht bewusst. Da fehlten ihm Phantasie und wohl auch Einsichtsfähigkeit. Hätte er eins von beidem gehabt, wäre er wohl nicht in seine Funktion gekommen.

Eine kleine Anekdote am Rande: Nach der Wende in Brandenburg wurde die sehr intelligente und agile Regine Hildebrand Sozialministerin. Ihr zur Seite wurde ein erfahrener Mann aus NRW gestellt. In einer Diskussion ließ sie ihn keineswegs zur Rede kommen. Nach einiger Zeit platzt dem Berater der Kragen: „Frau Ministerin, ich soll Sie beraten. Das geht nicht, wenn Sie mir nicht zuhören.“

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Montag, 6. Mai 2024
Drei Chinesen…pfui!
Wenn wir als Kinder klären wollten, wer etwas als erstes tun durfte, ballten wir die Fäuste, hoben und senkten sie mit dem Spruch „Tsching, tschang, tschong.“ Man hatte drei Möglichkeiten, beim dritten Mal ein Zeichen zu machen: Schere, Papier. Okay fast jeder kennt das Spiel.

Seit heute weiß ich, dass wir alle Rassisten sind. Das jedenfalls findet Frau Anne Mai Chau, Lehrerin an einer Oberschule. So würde die chinesische Sprache lächerlich gemacht, meint sie. Dürfen wir dann auch das Lied von den drei Chinesen nicht mehr singen? Bisher hielt ich diese Schule für gut. Das muss ich nun wohl revidieren.

Wer Kindern einen solchen Unsinn erzählt, muss wohl noch über dies und das nachdenken. Es ist eine absolute Überinterpretation, das harmlose Kinderspiel als rassistisch zu diffamierend. Wir Kinder hatten allerhand wirres Zeug im Kopf, aber gewiss nicht, uns über die chinesische Sprache lustig zu machen, die wir gar nicht kannte.

Übrigens wird das Spiel in anderen Regionen anders gespielt. Im Umland heißt es z.B. „Hau, pi la pup.“ Ob sich da auch irgendjemand rassistisch veralbert fühlt? Man kann ja nie wissen…

Die Debatte über „kulturelle Aneignung“ stellt die gesamte abendländische Kultur in Frage. Sie ist ein Konglomerat kultureller „Aneignung“. Nur mal die Rock-Musik: Sie ist wesentlich durch afrikanische Einflüsse – vom Banjo bis zur Trommel – bestimmt. Oder die Malerei. Oder der Tanz. Oder die Literatur. Wenn wir alle fremden kulturellen Einflüsse aus unserer Kultur verbannen, was bleibt dann? Und: Es wäre das Ideal faschistischer Kultur-Auffassung. Damals hieß das "undeutsch", "artfremd", "entartet". Sollten die Aneignungs-Kritiker mal überlegen, ob sie dazu gehören wollen.

Und: Die Debatte über den Unsinn wird von den Leuten geführt, die garantiert Klamotten aus Bangladesch tragen. Das ist die wahre Aneignung, nämlich Enteignung. Die Fabrikarbeiterinnen in Asien verdienen einen Bruchteil der Löhne von denen, die die Klamotten tragen. Dafür können diese ein – gemessen an Asien, Afrika oder Südamerika – luxuriöses Leben führen.

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Freitag, 1. März 2024
„Wir schaffen das.“ - Fremd in Deutschland (3)
Das Paar hatte sich im Sprachkurs kennengelernt. Laila lebte schon mehrere Jahre in Deutschland und spricht gut Deutsch und studierte. Nicht genug, um sicher zu gehen, ihre Masterarbeit fehlerfrei abzugeben. Also rief Mohammed Gerd an und bat in ihrem Namen um Hilfe. Gerd konnte nicht nein sagen, also half er, was sich als eine etwas größere Aufgabe herausstellte. - Damit hatte er zwei Freunde.

Der dritte – wie sich herausstellen sollte – war Ali, der Bruder von Mohammed. Mohammed rief Gerd eines Tages an, sein Bruder sei durch die B-2-Prüfung durchgefallen. Ob er, Gerd, dem Bruder bei der Vorbereitung für die Wiederholungs-Prüfung helfen könne. Ali könne nicht flüssig lesen und schaffe in der vorgegeben Zeit nicht einmal, die Prüfungsfragen durchzulesen. Also übten beide Lesen, Monate lang, mit Unterbrechung wegen des Corona-Lockdowns. Schließlich bestand Ali die Prüfung.

Dann schlug die Bürokratie erneut zu. Mohammed hatte versäumt, seine Eheschließung dem BAFÖG-Amt und er AOK mitzuteilen. Woher sollte er wissen, dass das nötig ist?! Wieder, statt erst mal nachzufragen, schrieben beide Instanzen böse Briefe und drohten gar mit Strafen wegen Betrugs. Mohammed erschrak tief. Betrug, das klang ganz schlimm, er sah sich buchstäblich schon im Gefängnis. In Syrien wäre das die sichere Konsequenz gewesen. Nicht so in Deutschland. Es brauchte lange, bis er verstand, dass die Sache mit einer Rückzahlung der gezahlten Beiträge an die AOK und einem Bußgeld an das BAFÖG-Amt erledigt werden konnte.

Die Syrer – und all die anderen Flüchtlinge aus nichteuropäischen Ländern – mussten sich mühsam durch das bürokratische Dickicht kämpfen und sie trafen nicht nur auf verständnisvolle und hilfreiche Menschen. Ganz anders ein paar Jahre später, als Hunderttausende aus der Ukraine flohen. Ihnen sei die Gastfreundschaft gegönnt. Wir hätten den asiatischen und afrikanischen Migranten ebenso offene Arme gewünscht.

Inzwischen war die Freundschaft zwischen den Syrern, der Asiatin, Gerd und dessen Frau so gefestigt, dass alle sich gegenseitig zum Essen und zu gemeinsamen Ausflügen trafen. Wer Gerd kennt, weiß, dass das immer auch „Bildungs-Anlässe“ waren, und wenn es nur norddeutsche Landeskunde war.

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Donnerstag, 29. Februar 2024
„Wir schaffen das.“ - Fremd in Deutschland (2)
Zwischendurch stellten die Deutschen die Frage, was wäre, wenn die Teilnehmenden in ihre Heimatländer zurückkehren. Was zumindest für die Syrer völlig außer Frage stand. Und wenn doch, so eine der Mentorinnen, haben wir wenigstens Freunde gewonnen.

Manchmal gab es lustige Missverständnisse. Ein Teilnehmer versuchte gern, sich unbekannte Worte selbst zu erklären. Das ist eine gute Methode, die leider gelegentlich versagt. Er hatte im Fernsehen einen Film über Georg Elser gesehen, in dem das Wort „Streife“ vorkam. Befragt, ob er das Wort verstand, erklärte er, es habe wohl was mit Polizei zu tun, denn die Autos der Polizei haben seitlich einen grünen oder blauen Streifen und heißen deswegen Streifenwagen.

Im selben Film wird Georg Elser als „Tüftler“ bezeichnet. Der Syrer vermutete, das habe etwas mit Autos und dem TÜV zu tun. Ein anderes Mal musste das Wort Bastler erklärt werden. Hier versagte die Kombinationsgabe des Flüchtlings.

Ein junger syrischer Flüchtling schloss sich unserem Mentor – er heiße Gerd -an. Jedes Mal kam er mit einem Vorschlag für ein Gespräch oder die Lektüre eines Textes. Gelegentlich kam ein/e zweite/r Teilnehmende hinzu, dann ergab sich ein wirkliches Gespräch, das auf Deutsch lief, denn anders konnten die beiden sich nicht verständigen.

Unser Syrer blieb mit diesem Mentor bis zum Ende des Sprachcafés zusammen. Ende hieß nicht, dass die Teilnehmenden jetzt Deutsch konnten, sondern dass die Finanzierung eingestellt worden war. Unser Syrer, nennen wir ihn einfach Mohammed, machte kurz darauf die C-1-Prüfung, bedankte sich bei seinem Mentor und zog sich zurück. Schade eigentlich, denn es hatte sich so etwas wie eine Freundschaft entwickelt.

Nach einigen Monaten meldete er sich wieder. Er hatte sich um einen Studienplatz für Chemie an der Bremer Uni beworben und sei abgelehnt worden. Begründung: ein Papier habe gefehlt, das so umfangreich war, dass es in dem Formular der Online-Bewerbung keinen Platz hatte. Statt mal eben telefonisch nachzufragen, wurde der Antrag abgelehnt. Vielleicht hätte die Sachbearbeiterin mal überlegen können, dass ein Syrer in Deutschland Probleme mit der Bürokratie hat. Da fehlt was? Zack, abgelehnt!

Gerd half ihm, einen Widerspruch zu schreiben, der wieder abgelehnt wurde; es sei kein Platz mehr frei. Ein weiterer Widerspruch blieb zunächst unbeantwortet, trotz mehrerer Telefon-Nachfragen. „Kein neuer Sachstand.“ Gerd lernte viel über deutsche Bürokratie, Mohammed musste alles lernen. Vor allem war ihm völlig fremd, dass die Bürger Rechte gegenüber dem Staat, der Bürokratie haben, dass man widersprechen kann: eine völlig undenkbare Vorstellung für einen Syrer, der unter den Assads groß geworden ist. Und beide lernten, dass man sogar Erfolg haben kann: Zwei Wochen vor dem nächsten Semester bekam er eine Zusage für einen Studienplatz.

Eine ähnliche Erfahrung musste Mohammed etwas später machen. Er hatte eine Frau, sie sei Laila genannt, aus einem asiatischen Land kennengelernt. Sie zogen zusammen. Für Mohammed gänzlich ungewohnt. In Syrien wäre das ausgeschlossen. - Sie beschlossen zu heiraten. Wieder störte die Bürokratie. Der Bremer Standesbeamte fragte nach Mohammeds Geburtsurkunde, ohne könne er nicht heiraten. Er fragte bei seine Mutter in Syrien nach dem Papier, für das es in Syrien nicht mal ein Wort gibt, geschweigen denn das Papier. Der Standesbeamte blieb auch nach dieser Information stur.

Jetzt erwies sich das Internet als Rettung. Die beiden fanden heraus, dass in Dänemark, kurz hinter der deutsch-dänischen Grenze, in Graasteen, eine Hochzeit problemlos möglich ist. Man legt ein Personenpapier (Pass, Perso oder so) sowie eine Aufenthaltserlaubnis in einem europäischen Land vor, und schon ist man verheiratet. Die Ehe wird dann auch in Deutschland anerkannt. Da muss man erst mal drauf kommen!
Fortsetzung folgt

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