Dienstag, 25. Oktober 2022
Theorie und Praxis bei der Müllabfuhr - Oder: Morgenstern aktuell
Neulich war unsere Mülltonne nach der Abfuhr noch halb voll. Mein Verdacht, dass irgendetwas die Tonne verstopfte, bestätigte sich nicht. Der Rest ließ sich mühelos umrühren. Nun wollte ich einen alten Farbeimer entsorgen, der die Tonne für die nächste Woche blockiert hätte. Beim Recycling-Hof erhielt ich die Auskunft, ich könne den Fall telefonisch der Bremer Stadtreinigung melden, dann würde die Tonne gelehrt.

Mein Anruf bei der "Service"-Nummer blieb insofern erfolglos. Die Frau klang schon am Angang des Gesprächs etwas unwirsch. Ich brachte meine Bitte vor. Nun hätte sie sagen können: "Das machen wir nicht, das ist zu teuer." Hätte ich wahrscheinlich resigniert. Stattdessen hielt sie mir einen langen Vortrag, DASS die Tonne leer sein müsse, - "Schwerkraft, sagt Ihnen das was?" - dass ich die Tonne zu fest gestopft hätte, ich also selber schuld sei, ich müsse die volle Tonne mit einem Spaten umrühren, dann KÖNNE so etwas nicht passieren.

Mein Einwand, dass das wohl theoretisch richtig sein könne, praktisch aber falsch WAR, ließ sie nicht gelten. Ich legte mit einem kurzen "Tschüß" auf.

Mir fiel die Gedichtzeile von Christian Morgenstern ein: "Was nicht sein darf, auch nicht sein kann." Vor etwa hundert Jahren geschrieben. Dass auch eine Theorie falsch sein muss, wenn die Praxis ihr widerspricht, kommt in diesem bornierten Denksystem nicht vor.

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Sonntag, 16. Oktober 2022
Was haben Mieterhöhungen mit der internationalen Finanzwelt zu tun?
Erst hat sie totalen Bockmist produziert. Sie, das war die Hausbesitzerin eines großen Altbaus in einer passablen Gegend. Was war passiert? Sie hatte den Bewohnern der Dachmansarden ohne Bad, Klo auf halber Treppe, die Miete drastisch erhöht. Und sie hatte den Bewohnern des Hochparterres den Mietzins reduziert und einige Nebenosten erlassen.

Das Ergebnis: Die Dachmansarden-Bewohner beschwerten sich lautstark. Selbst der Verein der Haus- und Grundeigentümer kritisierten moderat: das ging nun doch nicht, das würde das Ansehen ihrer Mitglieder beschädigen, und der Mieterverein unterstützte die oberen Stockwerke mit gesetzten, aber starken Worten. Die Boulevard-Presse titelte reißerisch: "Skandal im Mietshaus". - Sie musste zurückrudern: Die Mieten wurden - einstweilen - auf dem alten Level eingefroren. Um ihr Image aufzubessern, entließ sie ihren Steuerberater.

O.K. Die Hausbesitzerin heißt Liz Truss und ist Premierministerin des Vereinigten Königreichs. Der Steuerberater heißt Kwasi Kwarteng und war Finanzminister des UK. Sie wollte die Steuern der Reichen senken und die der Ärmeren erhöhen, so ganz unverfroren. Sie erntete gesellschaftliche Kritik in Presse und Öffentlichkeit, die Opposition schäumte, und selbst in der eigenen konservativen Partei regte sich Widerspruch. So geht's ja nun auch nicht. Das ist nicht konservativ! Die internationale Finanzwelt geriet ins straucheln

Was war zu tun? Alles auf Anfang und den Finanzminister feuern, um die eigene Haut zu retten. Einen schlechteren Regierungsstart hat wohl nie eine Premierministerin, kein Premierminister geliefert. Ob sie diese Eskapaden langfristig überlebt, scheint höchst fragwürdig. Und auch nicht wünschenswert.

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Montag, 10. Oktober 2022
Wie geht's Olaf Scholz?
In neuerer Zeit fiel mir auf, dass Olaf Scholz bei öffentlichen Auftritten die linke Hand immer etwas verkrampft vor den Bauch hält. Erst dachte ich, es sei ihm im letzten Augenblick vor dem Auftritt ein Knopf am Jackett abgerissen. Als er bei den nächsten Auftritten immer wieder die Hand dort hatte, vermutete ich, dass er Magenschmerzen hat. Zuletzt aber, bei dem Monstertreffen in Prag, spazierte er fröhlich grinsend mit beiden Händen in den Hosentaschen in einer Reihe mit den Kollegen.

Hat er in Marienbad eine Wasserkur gemacht oder bekommt ihm das tschechische Bier besonders gut? Jedenfalls freue ich mich über seine Genesung. Hoffentlich hält sie.

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Ente? Nicht jeden Tag!
Neulich wurde in den Nachrichten für Kinder über Energiesparen gesprochen. Die Kinder zählten auf, wie man/frau sparen kann. Man kann die Heizung `runterdrehen, nur stoßweise lüften, den Gasherd auf Sparflamme stellen, immer beim Verlassen eines Raums das Licht ausmachen usw. Zuletzt kam von einem Jungen der Ratschlag, man müsse ja nicht jeden Tag eine Ente in den Backofen schieben.

Da wäre ich nicht so einfach drauf gekommen.

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Montag, 26. September 2022
Kontaktlose Gastfreundschaft
Die Digitalisierung treibt sonderbare Blüten. Ich warte auf den Zeitpunkt, zu dem auch die menschliche Fortpflanzung per Whatsapp erfolgt. Bei der Gastfreundschaft sind wir schon so weit.

Neulich waren wir in einer Gartenwirtschaft (in Schweden, aber das tut nichts zu Sache). Wir nahmen an einem Tisch Platz und warteten darauf, dass jemand kam, um unsere Bestellung aufzunehmen. Auf dem Tisch stand eine Karte mit einem QR-Code, o.k. dachten wir: Corona. Nichts passierte. Nun dachten wir uns schon, dass man vielleicht an der Theke bestellen musste. Wir fragten am Nachbartisch. "Nein, per SMS", war die kurze Antwort.

Kam mir komisch vor, also ging ich doch zur Theke. Dort war eine große Tafel mit dem Menü. Ich wählt etwas aus und orderte beim Mann hinter der Theke. Er guckte abschätzig auf meine Haare (grau), nahm mürrisch die Bestellung auf und fragte nach meiner Handy-Nummer. Nun gebe ich die eigentlich nur guten Freunden, machte aber, zum Glück, eine Ausnahme. Dann widmete er sich wieder dem Grill. Ich ging zurück zum Tisch. Nichts passierte.

Irgendwann tutet mein Handy: eine kryptische Meldung, aus der ich entnahm, unser Essen sei fertig. Ich tappte wieder zur Theke, da stand das Gewünschte. Ich zahlte mit Karte. Wieder der abschätzige Blick.

Ich erkundigte mich bei den Tischnachbarn. Das richtige Prozedere wäre gewesen: Den QR-Code auf dem Tisch scannen, dann kommt die Speisekarte. Die Speisen sind nummeriert. Per SMS wird geordert. Wenn's Essen fertig ist, kommt eine SMS zurück. Dann steht meine Bestellung auf dem Tresen. Gezahlt wird wieder per Handy. Ausnahmsweise wird eine Scheck- oder Kredit-Karte akzeptiert. Menschliche Kommunikation in irgendeiner Form ist in diesem System nicht vorgesehen. Immerhin kann man noch mit den Tischnachbarn reden. Wann wird auch das abgeschafft?
1984 - Brave New World, von Aldous Huxley

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Samstag, 23. April 2022
Feminismus 3.0
Der Prozess um das Oben-Ohne-Baden in Göttingen ("miniaturen" vom 3.4.22) erinnert an die Debatten der 70er Jahre. Damals wurden Männer zunächst in WGs gezwungen, im Sitzen zu pinkeln, mit gutem Grund. Dann gab es aber gleichzeitig FeministInnen, die forderten, auch im Stehen pinkeln zu dürfen. Witzbolde entwickelten sogar ein Urinal für Frauen. Natürlich im Zeichen der Gleichberechtigung.

Der neueste Knüller sind öffentliche Pissoirs für Frauen mit Stützbügeln. Natürlich im Zeichen der Gleichberechtigung. Denn Männer können und dürfen quasi überall.

Wenn's nicht so verstaubt wäre, könnte man Freuds These vom weiblichen Penis-Neid bemühen.

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Sonntag, 3. April 2022
Aktuelle Probleme 2022
In Göttingen läuft gerade ein Prozess, in dem eine Frauen-Initiative dafür streitet, in öffentlichen Bädern immer "oben ohne" baden zu dürfen. Der emanzipatorische Impetus resultiert daraus, dass die Frauen gleiches Recht wie die Männer haben wollen, brustfrei zu schwimmen. Ich weiß auch nicht, woher die Vorschrift kommt, ein Oberteil zu tragen: praktische, ästhetische oder moralische Gründe?

Ich wundere mich nur, womit sich ein Gericht im dritten weltweiten Korona-Jahr, im ersten Kriegsjahr in der Ukraine, im Jahr x der Klimakrise beschäftigen muss. Andere Probleme sehen die klagenden Frauen wohl nicht?

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Ost und West - vertauschte Welt.
Im RBB-Fernsehprogramm läuft eine Serie "Berlin - Schicksalsjahre einer Stadt". Gestern war das Jahr 1986 dran. In dem Jahr fand zum letzten Mal ein Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke zwischen Berlin-Wannsee (West) und Potsdam (Ost-Deutschland) statt.

Ich erinnerte mich an ein Erlebnis in den frühen 80ern. Eine Gruppe Kreuzberger Jugendlicher machte von der Bildungsstätte in Wannsee eine Exkursion an die Glienicker Brücke. Einer stand grübelnd vor der Schranke und schließlich kam ihm die Erleuchtung: "Det is ja irre: hier is der Osten im Westen."

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Samstag, 12. Februar 2022
Präpubertärer Regierungschef
Als die Pandemie sich ihrem vierten Höhepunkt näherte, beschlossen beide Parlamente (Bundestag und Bundesrat) - als ersten Schritt zu einer allgemeinen Impfpflicht - die einrichtungsbezogene Impfpflicht zum 15. März d.J. einzuführen. Beide Parlamente und die Ministerpräsidentenkonferenz stimmten zu. Alles klar also?

Leider nein: Kurz vor knapp platzte der bayrische Regierungschef, Söder mit Namen, mit der Ansage heraus, Bayern werde das nicht umsetzen. Das entsprechende Gesetz sei "schludrig gemacht". Die Resonanz war verhalten zustimmend bei einigen Länderchefs, bei allen anderen sowie bei der Bundesregierung und in der öffentlichen Meinung verbreiteten sich Ratlosigkeit, Unverständnis, Protest.

Dem bayrischen Gesundheitsminister schwante Ungemach. Eilfertig versicherte er, die allgemeine Impfpflicht bleibe von Söders Votum unberührt.

Nun war allen von Beginn an klar, dass das Gesetz unvollkommen ist und der Präzisierung durch die Länder und Kommunen hinsichtlich der praktischen Umsetzung bedarf, ebenso dass ein längerer Prozess anstehe. Ein Bundesgericht wurde bemüht, das feststellte, die Arbeit könne und müsse beginnen, Weiteres werde später entschieden.

Und nun jubelte der "König von Bayern": er habe recht und habe es ja gesagt, dass das Gesetz unvollkommen sei. Hä, wundert sich der Zeitgenosse. So viel Geschwindigkeit im Umdrehen um 180°, so viel präpubertäre Rechthaberei überraschten nun doch, selbst bei dem.

Im Mittelalter mussten gelegentlich verwaiste Kinder eine Königskrone tragen, aber die hatten dann einen Vormund, der die Regierungsgeschäfte erledigte. Wäre wohl in Bayern eine Überlegung wert.

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Dienstag, 25. Januar 2022
Offene Geheimnisse und die Geheimdienste
Dass Geheimdienste - hier speziell der niedersächsische Verfassungsschutz - ineffizient sind, wissen wir schon länger. Investigative Journalisten sind z.B. über den Rechtsextremismus früher und umfangreicher informiert als die Schlapphüte.

Jetzt haben sie bei einer sechsjährigen Überwachung u.a. herausbekommen, dass zwei Linken-PolitikerInnen ihre Arbeit gemacht haben: Mitgliederversammlungen, Landtagskandidatur, Pressemitteilungen, usw. Glückwunsch zu diesem schönen Erfolg!

Dass derlei zumindest partiell auch bei der Stasi der Fall war, beweist die "Information - Aktion - Banner" über mich. Ein Major Bock hält 1973 fest, ich stamme aus einer Beamtenfamilie, sei nach dem Abitur bei der Bundeswehr gewesen und als Leutnant entlassen worden, habe studiert (nun gut die Angaben über die Fächer sind unvollkommen oder falsch), habe bei zwei verschiedenen Organisation als Bildungsreferent gearbeitet. Aus Andeutungen geht hervor, ich sei ein "fortschrittlicher Mensch". Ich sei kinderlos verheiratet. Eine Halbzeile ist in der "Information" geschwärzt. Welch Geheimnis sich dahinter wohl verbirgt? Vielleicht die einzige Information, die ich nicht habe?

Wieviel Schlauheit, Schweiß und Mobilität muss einer aufbringen, um das herauszubringen?! Einen Major Bock habe ich nie kennengelernt, er muss also einen Informanten in meiner Nähe gehabt haben.

Nicht herausbekommen bzw. notiert haben sie mein Engagement in der Studentenbewegung, meine diversen Reise in "sozialistische" Länder, meine Kontakte zum Berliner Ensemble, mein Engagement in der antimilitaristischen Bewegung und, und, und

Die Ostkontakte - und noch mehr - dagegen sind dem Militärischen Abschirmdienst bekannt, weil ich sie ihm pflichtschuldig bei einer Sicherheitsüberprüfung anlässlich einer Wehrpflichtübung mitgeteilt habe.

Es ist erhebend, wie viele Leute sich um mich gekümmert haben! Und was haben sie jetzt davon?

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