Donnerstag, 21. Mai 2020
Corona-Tagebuch 26.: Vorurteile und Aufklärung
Über die Anti-Corona-Demonstranten wird z.Zt. heftig debattiert. Woher stammen deren Motive? Wie lässt sich dem begegnen. Jan-Philipp Reemtsma hat dazu einiges erklärt (taz nord 20./21.05.20) Befragt, was dagegen zu tun sei, antwortet er: „Nichts“. Er empfiehlt, ihnen nicht zu viel Bedeutung zuzumessen, um ihren Narzissmus nicht zusätzlich zu bedienen. Polizeiliche Begleitung sei nützlich, um Schlimmes zu verhindern. Gegendemonstrationen oder gar Verbote würde diese Menschen nur bestätigen.

Dabei fällt mir eine Erfahrung aus meiner Biografie ein: In der Studentenbewegung kam in Berlin die Idee auf, man müsse die Berliner Bevölkerung agitieren. Offensichtlich dominierte die Springerpresse den Zeitungsmarkt, insbesondere mit dem Boulevard-Blatt BZ sowie der Bild. Dort wurden systematisch Falschmeldungen und reaktionäre Kommentare über die DDR und die Studentenbewegung in Westberlin und Westdeutschland verbreitet.

Wir Studenten hatte die Illusion, durch Straßenagitation eine Gegenöffentlichkeit herzustellen. Kleine Trupps von uns bevölkerten den Ku-Damm, sprachen Passanten an und verwickelten sie in Diskussionen. Nun waren die Ku-Damm-Passanten am Wochenende nicht unbedingt für unsere Anliegen offenen, eher im genauen Gegenteil. Nur wenige ließen sich überhaupt auf ein Gespräch ein und wenn ja in der Absicht uns zu agitieren. Nicht selten schlugen uns Beleidigungen, faschistische Ansichten und Aggressionen entgegen.

Ein Beispiel war besonders grotesk. Einer der Kommilitonen war 1961 kurz vor dem Bau der Mauer aus der DDR geflüchtet. Er sprach ein ziemlich breites Sächsisch. In einem Gespräch mit einem älteren Ehepaar musste er sich erst ein paar Beleidigungen anhören. Z.B. wir seien langhaarige Affen, ungewaschen, würden nicht arbeiten und auf Steuerkosten schmarotzen. Schließlich keifte die Frau: „Hör doch, der spricht ja sächsisch wie Ulbricht. Der ist vom Osten gesteuert, der ist geschickt.“

Unserem Freund fiel angesichts des blanken Hasses nur ein zu kontern: „Und Sie sind ungeschickt.“ Ein Wortspiel, das die beiden eher nicht verstanden. Das Gespräch – wenn man davon reden will – war damit beendet. „Komm Männe, der spinnt doch.“ Wir haben diese Ku-Damm-Agitation sehr schnell aufgegeben. Aber es war immerhin eine wichtige Erfahrung.

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