Sonntag, 3. Mai 2020
Der Tod der Frau B.
Auch wenn die folgende Geschichte den Schluss nahe legen könnte, dass Einsamkeit ein Problem nur von Alten ist – das ist es nicht. Einsamkeit ist nicht altersabhängig. Bei Jüngeren wird es oft nur anders genannt. Von Kindern sagt man in der Corona-Krise: „Ihnen fehlen die anderen Kinder.“ Von anderen heißt es: „Das ist ein/e etwas Zurückgezogene/r.“ Das sind Euphemismen für Einsamkeit. Und letztlich ist Einsamkeit kein typisch Corona-bezogenes Phänomen, sondern eine Alltagserscheinung. Wie die folgende Geschichte zeigt.

Ich kam von einer einwöchigen Dienstreise zurück. Während der üblichen Tätigkeiten des Nach-Haus-Kommens fragte meine Frau: „Wann hast du eigentlich Frau B. das letzte Mal gesehen oder gehört?“ Frau B. war unsere Nachbarin rechts – oder links, je nachdem wie herum man stand. Ich konnte mich nicht erinnern. Wir waren es gewohnt, sie gelegentlich in den direkt benachbarten Zimmern hantieren zu hören.

Meine Frau machte sich Sorgen: sie hatte länger nichts mehr gehört. „Ob ich besser die Polizei anrufen sollte?“ - „Ja, wenn du denkst, einmal zu viel ist besser als einmal zu wenig.“ Das meinte auch der Polizist. „Wir schicken einen Streifenwagen“, der auch kurz danach vor der Tür stand. Die Beamten klingelten bei Frau B., pochten an die Tür, riefen – keine Reaktion. Sie allarmierten die Feuerwehr. Die rückte mit einem Gerätewagen und einem Krankenwagen an und öffnete die Tür. Einer der Polizisten ging hinein, kam aber sofort wieder heraus. Im Haus stank es, und Frau B. lag tot am Fuß der Treppe mit Verletzungen am Kopf.

Das Weitere war Routine: Der Polizeiarzt kam, bestätigte den Tod. Er und die Polizisten sprachen mit uns, weil wir angerufen hatten. Der Arzt, befragt nach der Todesursache, erklärte, die sei nicht mehr festzustellen. Es könne sein, dass Frau B. gestürzt und an dem Sturz gestorben sei, oder sie sei gestorben und dann gestürzt und habe sich dabei die Verletungen zugezogen. Den Todeszeitpunkt könne er momentan nicht feststellen. Wir machten uns Gedanken, ob Frau B. vielleicht lange verletzt dort ohne Hilfe gelegen hatte.

Denn Frau B. war sehr einsam. Nur sehr selten bekam sie gelegentlich Besuch von einer Taxifahrerin. Diese wurde über den Taxifunk informiert, war eine entfernte Verwandte und konnte Auskunft über die weitere Verwandtschaft geben.

Frau B. lebte ein skurriles Leben. Die Versorgungsunternehmen hatten ihr nach und nach das Wasser, das Gas, den Strom und das Telefon gesperrt. Sie hatte sich mit allen um kleine Beträge gestritten, die sie nicht bezahlt hatte. Ich erfuhr davon eines Abends im Winter. Wir saßen beim Abendbrot, als es klingelte. Eine junge Nachbarin stand mit Frau B. vor der Haustür: Ob ich helfen könne.

Frau B. war im Dunkeln durch die Gärten geirrt und konnte nicht in ihr Haus. Sie hatte in einem Parterre-Zimmer die ungesicherte Türklinke abgezogen, drückte bei dem Versuch, sie wieder einzustecken, die andere nach außen. Durch das Fenster war sie über einen Tisch nach draußen geklettert und konnte nicht wieder zurück. Ich nahm den umgekehrten Weg, suchte und fand im Dunkeln den Lichtschalter, doch das Licht ging nicht an. Ich benutzte meine Taschenlampe, drehte mit einem großen Schraubendreher den Vierkant im Türschloss und öffnete die Tür. Das Nebenzimmer hat eine Tür nach draußen. Wieder betätigte ich ohne Erfolg den Lichtschalter, schloss die Außentür auf und ließ Frau B. herein. Ich stellte jetzt erstmalig fest: Im ganzen Haus gab es kein Licht.

Ihren Wassermangel kompensierte Frau B. dadurch, dass sie Wassereimer, leere Yoghurt-Becher und andere Gefäße auf den Balkon stellte und das Regenwasser einfing. Dort wusch sie sich auch.
Mit den NachbarInnen hatte sie sich systematisch zerstritten. Ein Nachbar legte in seinem Garten einen kleinen Teich an. Frau B. alarmierte die Polizei: der Nachbar baue ein Schwimmbad. Ob das erlaubt sei. Die Polizei rückte an, begutachtete den Teich und fragte den Nachbarn, wie groß der denn noch werden solle. Dieser erklärte: „Der ist jetzt fertig.“

Wir kamen von einer Urlaubsreise zurück, ich reinigte das Innere des Autos und hatte beide rechte Türen auf. Frau B. kam den Bürgerstein entlang. Damit sie das Auto passieren konnte, schloss ich die Türen. „Das ist aber nett, dass Sie mir Platz machen.“ Und ging weiter. Nach zwei Metern drehte sich um und schimpfte: „Schmeißen sie ja nicht ihren Dreck vor mein Haus!“

Einmal behauptete sie, die Mauer zwischen unseren Balkons sei „verschoben“. „Früher war sie so und so“, sie fuchtelte mit den Händen in der Luft, „und jetzt ist sie so und so.“ Ich entgegnet, das könne nicht sein, versprach aber, der Sache nachzugehen. Ich inspizierte die Mauer, hantierte mit dem Zollstock eine Zeit und erklärte, die Mauer sei wie immer. „Na, dann ist es ja gut.“ Wenn ich einen Streit angefangen hätte, wäre das nicht so leicht gegangen. Aber so viel Langmut brachten nicht alle auf. Unsere Hauswirtin z.B. verließ jedes Mal fluchtartig den Garten, sobald Frau B. heraus kam. Diese züchtete dort Gemüse und Obst, das sie häufig gleich an Ort und Stelle aß. Sie hatte sich mit unserer Hauswirtin schon vor Jahren wegen einer Hecke zerstritten. Meine Frau beschimpfte sie im Garten unvermutet, sie sehe frech aus: „Die Augen sind‘s, und die Haare.“

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Wenn Frau B. das Haus verließ, war sie tip-top gekleidet und führte immer einen Stockschirm mit sich. Wollte sie die viel befahrene Straße überqueren, streckte sie den Schirm am langen Arm waagerecht aus und ging einfach los. Die Autos hielten mit quietschenden Reifen. Selten schimpfte ein Fahrer. Den Schirm brauchte sie auch für Fahrten mit der Straßenbahn. Sie fuchtelte damit herum, vertrieb andere Fahrgäste, indem sie behauptete: „Das da ist mein Platz!“

Als sie gestorben war, tauchten Verwandte vom Land auf, die wir noch nie gesehen hatten, und traten das Erbe an. Sie berichteten, außer dem Haus habe sie 250.000 Mark auf dem Konto. Uns wollten sie das Haus für 225.000 Mark verkaufen.

Häufig liest man in Zeitungen Klagen darüber, dass Großstadtmenschen völlig vereinsamt sterben und längere Zeit unentdeckt tot in ihren Wohnungen liegen. Frau B. starb, wie sie gelebt hatte: allein und wohl auch sehr einsam. Aus einer gewollten und selbst verursachten Einsamkeit kann niemand, auch nicht von gutwilligen Menschen, befreit werden.

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