Samstag, 3. Dezember 2022
Alice Schwarzer wird 80
Das ist schon das Einzige, was ich mit ihr gemeinsam habe. Und vielleicht noch die Politisierung in der 68er-Bewegung, aber sie in Paris, ich in Berlin.

Sie eine Frau, ich ein Mann. Meine Sozialisation vor dem geschichtsträchtigen Datum fand in einem – fast – reinen Frauen-Haushalt statt: Dort lernte ich Respekt vor Frauen, und dass man keine schlechten Witze über sie macht.

Schwarzer hat sich ohne Frage verdient gemacht für die Frauenbewegung. Ihr Einsatz für die Abschaffung des § 218 war vorbildlich, allerdings ohne die vielen anderen Frauen, die für den berühmten STERN-Titel „Wir haben abgetrieben“ ihr Bekenntnis und ihr Portrait gaben, wäre das nie und nimmer gegangen. Sie aber posiert heute auf Pressefotos mit dem Stern-Titel.

Das ist symptomatisch: Alice ist eine Solistin und verkauft vor allem sich selbst. Ein Buch, das sie mit fünfzehn anderen Autorinnen gemeinsam schreiben wollte, kam so nicht zustande; sie schrieb es allein, nachdem die Co-Autorinnen sich verstimmt zurückgezogen hatten. Sie war zwar nicht teamfähig, überzeugte ihre Jüngerinnen aber mit ihrer Autorität. Beides – die Jüngerinnen und die Autorität – wurden mit der Zeit immer weniger. Bascha Mika, Ex-taz-Chefredakteurin, hat es auf den Punkt gebracht: „Sie hat den Feminismus nicht vorangebracht.“

Dazu trugen auch ihre solistischen Kampagnen bei. PorNo und ihr rigoroser Kampf gegen Prostitution blieben unter Linken und real erfolglos. Sie war offensichtlich unfähig, die Ursachen zu erkennen: Solange es eine restriktive, sexualfeindliche Moral gibt, wird es beides geben. Und das wirkt unter den Bedingungen von – nicht nur – christlicher Moral und des Kapitalismus fort. Diesen Zusammenhang hat sie wohl nicht begriffen. Das war auch ihrem Hang zu Vereinfachungen, zu verstaubten Ansichten geschuldet. Bizarr ihre Losung "Frauen in die Bundeswehr" - vorausgesetzt sie können General werden. Und: Wer sich mit Islam-Feinden und Putin-Freunden gemein macht, kann nicht als fortschrittlich gelten.

Den Kapitalismus begreift sie sehr wohl. Trotz 1968. Ihre Frauenzeitschrift „emma“, das Buchgeschäft, Filme und die Pressearbeit werfen immerhin so viel ab, dass sie 250.000 Euro am deutschen Finanzamt vorbei in die Schweiz transferieren konnte. Sie scheute sich auch nicht, im Busenblatt „BILD“ eine Kampagne (War es Me-Too?) zu unterstützen. Eine Zeitung, deren Chefredakteur für seinen ruppigen und sexistischen Umgang mit Mitarbeiterinnen notorisch ist.

Die Realsatire einer Berliner Prostituierten spitzt es zu – sie gibt sich den „Künstlernamen“ Alice Schwarzer (s. miniaturen 18.01.2020 u.a.).

... link (0 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 15. November 2022
Ludendorff in Dorfmark
Alljährlich trifft sich die rechtsextreme Sekte des "Bund für Gotterkenntnis" im kleinen Heidedorf Dorfmark.

"Bund für Gotterkenntnis." Dahinter verbirgt sich die Anhängerschaft von Margarethe (1875 - 1936) und Erich Ludendorff (1865 - 1937).

Margarethe - von Beruf Ärztin - fabulierte in ihrer Freizeit über Religion und konstruierte eine absurde Lehre, in der u.a. Antisemitismus und Gegnerschaft gegen Freimaurer und Jesuiten eine wichtige Rolle spielen.

Ihr Mann Erich war neben Hindenburg DER Held im 1. Weltkrieg. Anschließend verbündete er sich mit Hitler zum gescheiterten Putsch von 1923, dem sog. "Marsch auf die Feldherrnhalle" in München.

Seinen bekannten Namen nutzte Frau Margarethe als Aushängeschilt für ihre Lehre.

Als Hitler 1934 alle Konkurrenz durch Verbot, Verfolgung und Mord (z.B. beim sog Röhm-Putsch) ausschaltete, fiel auch die Ludendorff-Sekte darunter. Ludendorff rühmte sich später 1936 einer "Aussprache" mit Hitler, aber das Verbot blieb bestehen.

Schnell wurde nach 1945 die "Bewegung" reaktiviert. Unter dem Titel "Bund für Gotterkenntnis" sammelten sich ehemalige Nazis.

In meiner Geburtsstadt Kiel nannte sich die Organisation "Freisinnige Elternschaft", der meine Eltern angehörten. Diese führte als Ersatz-Konfirmation die "Jugendleite" mit vorbereitendem Unterricht ein, an dem ich teilnahm. Anfang der 50er Jahre wurde eine Jugendgruppe "Sturmvogel" gegründet und ich Mitglied. Die Frau, die die Gruppe als "Führerin" leitete, war ehemalige BDM-Führerin, was sie wohl ausreichend qualifizierte.

Dort begegneten mir neben traditionellen Aktivitäten wie Sonnenwendfeuer, Wanderungen und Radtouren an Wochenenden und in den Ferien u.a. die Polemik gegen Freimaurer und Jesuiten; den Antisemitismus haben sie sich damals wohl noch nicht getraut. Ich wurde zum "Unterführer" ernannt.

Nach ca. zwei Jahren trat ich aus, weil ich mich - damals dreizehnjährig - als Unterführer überfordert sah. Später habe ich die Schriften der Margarethe studiert; sie stellten sich als kruder Quatsch heraus.
Gegen das Treffen in Dorfmark finden sich jährlich Antifaschisten unterschiedlicher Couleur zu Demos und Kundgebungen ein. Dieses Jahr war ich dabei.

Ein junger Mann - Funktionär der Jungsozialisten - hielt eine engagierte Rede, in der er u.a. behauptete, die Kinder der Ludendorffianer würden indoktriniert und für ihr Leben geprägt.

Daraufhin meldete ich mich zu Wort. Ich hielt dagegen, dass ich das lebende Beispiel dafür bin, dass ein solcher Mechanismus nicht zwingend ist. Mein Lebensweg führte trotz Ludendorff und Sturmvogel, trotz meines Elternhauses in eine andere Richtung, und ich habe mich in den letzten fünfzig Jahren aktiv antifaschistisch engagiert.

Bedenklich finde ich, dass ein demokratischer - hoffe ich doch - Jugendfunktionär eine derart mechanistische Sicht auf Jugendliche hat. Demokratische Jugendarbeit darf keine/n Jugendliche/n zurücklassen.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Sublimer Antisemitismus
In meiner Jugend der 50er Jahre wurde Anne Frank unter uns zum Thema. Weniger bei mir, als vielmehr bei den Mädchen in der Nachbarschaft. Ich hatte den Namen und ganz wenig über ihr Schicksal und das Tagebuch gehört. Für die Mädchen dagegen war das Schullektüre gewesen. Auf meiner reinen Jungen-Schule kam das wohl nicht in Frage, genauso wenig wie all die anderen damals wichtigen AutorInnen.

Und was diskutierten die Mädchen? Anne Frank habe ja schon so früh für Jungs geschwärmt, aber das sei ja wohl bei den Juden (lies Jüdinnen) so, die seien ja eher frühreif. So habe es die Lehrerin erklärt.

Sublimer Antisemitismus selbst bei der Lektüre DIESES Buchs.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 10. November 2022
70 Jahre Staat Israel
aus diesem Anlass habe ich eine alte, immer noch aktuelle Buchbesprechung hervorgeholt:

Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas, 4. Auflg., Frankfurt (Zweitausendeins) 2008

Dieses Buch ist schockierend,
- weil es mit dem lang gehegten Vorurteil aufräumt, Israel habe immer nur Verteidigungskriege gegen die übermächtigen arabischen Nachbarn geführt,
- wegen der darin wiedergegebenen Tatsachen,
- weil die Geschichte des Autors ein Licht auf die Wissenschaftspolitik in Israel wirft,
- weil es die Sicht des Rezensenten auf die Lage im Nahen Osten erschüttert

Unbestritten - wenn auch nur zögernd zugegeben - war bisher die Tatsache, dass die Terrorgruppen Irgun und Sternbande in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts Massaker an arabischen Einwohnern Palästinas verübt haben. Der Name des Dorfes Deir Yassin - knapp westlich von Jerusalem, heute Stadtteil Givat Shaul - stand dafür stellvertretend. Dort wurde am 9. April 1948 fast die gesamte arabische Bevölkerung von Irgun und Sternbande ermordet, Frauen wurden vergewaltigt. Die Angaben über Opfer-Zahlen schwanken, allgemein wird von 245 Toten ausgegangen. Interessant ist, dass die Hagana - offizielle "Selbstverteidigungsorganisation" der zionistischen Gemeinschaft - das Massaker stillschweigend duldete. Die Führer von Irgun und Sternbande wurden teilweise einflussreiche Politiker im Staat Israel: z.B. Menachim Begin, Jitzak Schamir.

Dies ist nach Ilan Pappe kein Zufall, denn die Zerstörung des Dorfs war Teil eines "Plan Dalet", den eine Gruppe von Beratern um den späteren Ministerpräsidenten Israels, David Ben Gurion, zur "ethnischen Säuberung" Palästinas seit 1947entwarf. Das, was faktisch später geschah, wurde vorher systematisch geplant und von der Hagana - nach der Unabhängigkeitserklärung Israels am 14. Mai 1948 israelische Armee IDF (Israeli Defense Forces) - systematisch und plangenau umgesetzt. Sämtliche arabischen Dörfer sollten auf die eine oder andere Weise entvölkert und zerstört werden.

Die Spur der Vertreibungen begann im Süden in Gaza, folgte der Mittelmeerküste nach Norden - mit "Abstecher" nach Jerusalem - bis Haifa und Akko nach Nordgaliläa an die libanesische Grenze, über Safad wieder nach Süden durch das Jordantal über Tibarias bis Baysan. Schließlich wurden im äußersten Süden auch die Beduinen der Negev aus ihren angestammten Gebieten verdrängt. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Araber sich friedlich verhielten oder nicht, ob sie in guter Nachbarschaft mit jüdischen Siedlungen - überwiegend Kibbuzim - lebten oder nicht.

Das militärische Vorgehen in den einzelnen Dörfern folgte einer Systematik, von der selten abgewichen wurde. Zunächst wurde das Dorf von drei Seiten belagert und durch Artillerie, später durch Bomber angegriffen. Dann rückten die Bodentruppen nach, massakrierten die Bevölkerung - gelegentlich wurden Frauen vergewaltigt - oder vertrieben sie (dazu ließ man die vierte Seite offen); schließlich wurden die Gebäude zerstört, um eine Rückkehr der Flüchtlinge zu verhindern. Die Vertreibungen erfolgten über die Grenzen in die Nachbarländer oder in größere Städte wie Nazareth oder Schfar'Am. Dort entstand so ein städtisches Proletariat. Die Dörfer wurden später von Juden besiedelt.

Die militärische Gegenwehr der Araber war völlig hilflos. Es gab zwar arabische Freiwilligenverbände (Arab Liberation Army), die aber nach Zahl und Bewaffnung hoffnungslos unterlegen waren. Die arabischen Nachbarstaaten unterstützten sie halbherzig oder gar nicht. Die internationale Öffentlichkeit, vor allem die UNO, wussten von den Ereignissen, ließen aber alles ungerührt geschehen.

Die Vorbereitungen zur ethnischen Säuberung Palästinas setzten nicht etwa erst nach dem UN-Teilungsplan von 1947 oder mit dem Rückzug der Engländer als Mandatsmacht im Mai 1948 ein. Sie begannen teilweise auf Anregung und mit Duldung der britischen Mandatsmacht Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre. Topografen, Orientalisten und Geheimdienstlern der Hagana legten Dossiers über die arabischen Dörfer an, die Grundlage für das spätere militärische Vorgehen von Hagana und IDF waren.

Das sind keine Hirngespinste arabischer Extremisten oder Propagandalügen. Die offizielle israelische Lesart war lange: die arabische Bevölkerung hat den UN-Teilungsplan nicht akzeptiert, die arabischen Nachbarstaaten haben die palästinensische Bevölkerung durch Verbreitung von Gräuellügen zur Flucht animiert, Israel musste sich gegen eine militärische Bedrohung wehren. Die von Pappe zitierten Quellen reden eine andere Sprache und sie sind keineswegs obskur: er bezieht seine Kenntnisse u.a. aus den Archiven von Hagana, IDF und der UNO, den Tagebüchern David Ben Gurions, Korrespondenzen der Beteiligten u.a. im Ben-Gurion-Archiv, Erinnerungen damals beteiligter jüdischer Politiker und Militärs (Quellenkunde) sowie aus Sekundärliteratur. Ergänzt werden die Kenntnisse aus offiziellen Quellen durch Erinnerungen betroffener Araber (oral history).

Der Aufbau von Pappes Buch folgt streng historisch-wissenschaftlicher Methodik von der Definition der Begriffe über die Darstellung der Ereignisse bis zu deren Bewertung ist alles sauber hergeleitet und entspricht den Anforderungen moderner historischer Wissenschaft. Jede Tatsache ist genau belegt, jede Quelle wird durch mindestens eine zweite verifiziert, das gilt besonders für die persönlichen Erinnerungen (oral history), die nie für sich genommen für bare Münze gehalten, sondern durch Quellen aus offiziellen Archiven bestätigt werden.

An dieser Stelle sei eine Anmerkung des Rezensenten erlaubt. Ich (war) seit 1985 (bis 2007) im deutsch-israelischen Jugend- und Fachkräfteaustausch engagiert. Viele der Orte, die in Pappes Buch vorkommen, sind mir bestens vertraut. Z.B. das Latrun-Tal, das "gesäubert" wurde, wo ich mehrfach mit Gruppen Gast des Neve Schalom (Friedensdorf) war. Z.B. der Ort Lydda, heute Lod, wo der Flughafen liegt, auf dem ich jedes Mal landete oder startete. Z.B. Yaad in Nordgaliläa, wo ich 1985 bei meiner ersten Reise mit dem AdB (Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten)
die Entwicklung Israels als Computer-Hochburg bewundert habe. Z.B. die Städte Nazareth, Safed und Schfar'Am - hier war ich mehrfach Gast des Jugendamtes, eines drusischen Scheichs und des (arabischen) "House of Hope".

En Hod ist ein Sonderfall. Dieses Dorf - arabisch Ayn Hawd 15 km südlich von Haifa am Hang des Carmel - wurde besetzt, die Bevölkerung vertrieben, aber, was ungewöhnlich war, es wurde nicht zerstört, "weil es in der Einheit, die den Ort besetzte, einige Bohemiens gab: Sie erkannten sofort das Potenzial des Dorfes" (Pappe, S. 219) und machten daraus eine Künstlerkolonie, in der später "Israels bekannteste Künstler, Musiker und Schriftsteller, die meist zum 'Friedenslager' des Landes gehörten" (a.a.O.), lebten. Hier drehte eine Jugendgruppe, mit der ich in den 90er Jahren dort war, einen Film, ohne den historischen Hintergrund des Ortes zu kennen.

Furaydis, ebenfalls ein Sonderfall, liegt in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Kibbuz und jetzigen Feriendorfs Nach Scholim, wo meine Partnerorganisation "Dialog" ihren Standort hat. Mehrmals war ich dort mit Jugendlichen und Fachkräften Gast. Furaydis wurde von der IDF verschont: die Einwohner der benachbarten jüdischen Siedlungen setzten sich für seinen Erhalt ein, weil sie die arabischen Einwohner als ungelernte Arbeitskräfte benötigten.

Ganz in der Nähe lag auch der etwas größere Ort Tantura. Hier wurde am 22. Mai 1948 eins der schlimmsten Massaker angerichtet. Das Vorgehen der IDF, konkret der Alexandroni-Brigade, war hier untypisch. In diesem Verband war übrigens der spätere Premierminister Ariel Scharon Zugführer. Das Dorf wurde von vier Seiten eingekreist, so dass eine Flucht unmöglich war. Die Männer (im Alter zwischen 10 und 50 Jahren) wurden von den Frauen und Kindern getrennt; diese flohen ins nahe Furaydis. Nach vorbereiteten Listen wurden die Männer selektiert, in 10er Gruppen an den Strand, auf einen Friedhof und in eine Moschee geführt und hingerichtet. Soldaten zogen durch das Dorf, plünderten und zerstörten es. Der jüdische Bürgermeister des nahe gelegenen Zichron Yaakov versuchte die Soldaten zu stoppen, kam aber zu spät. Die genaue Zahl der Toten ist ungeklärt, es müssen aber hunderte gewesen sein.

Schockierend ist auch die Reaktion der "offiziellen" Historiker in Israel auf die Forschungen von Pappe und anderen. Ein Student der Universität Haifa stieß bei Recherchen auf den Fall Tantura und führte Interviews mit Überlebenden. "Als es publik wurde, disqualifizierte die Universität nachträglich seine Doktorarbeit, und Veteranen der Alexandroni-Brigade verklagten (ihn) wegen Verleumdung." (a.a.O., S. 188)

Auch Pappe selbst blieb nicht ungeschoren. Er ist Jahrgang 1954, Sohn deutscher Emigranten aus Nazi-Deutschland, studierte Geschichte in Jerusalem und Oxford, war akademischer Leiter der Bildungs- und Begegnungsstätte Givat Haviva, mit der der AdB lange Jahre im Austausch war. Dann wurde er Professor an der Universität Haifa, geriet in fachlichen und politischen Konflikt mit der Universitätsleitung, resignierte schließlich und ging als Professor nach Großbritannien an die Universität Exeter. - Der Fall ist ein Beleg dafür, wie schwer man sich in Israel noch heute tut, die eigene Vergangenheit unvoreingenommen zur Kenntnis zu nehmen, die eigene Geschichte zu reflektieren und sich von bequemen Interpretationen zu trennen.

Die Lektüre dieses Buches ist erschütternd, vor allem für diejenigen, die im deutsch-israelischen Jugend- und Fachkräfteaustausch tätig sind. Aber gerade für sie sollte die Lektüre zur selbst auferlegten Pflicht werden, auch wenn man sich dabei von lieb gewonnenen Überzeugungen trennen muss. Aber: lernen ist immer schmerzlich.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Ist Kritik an israelischem Regierungshandeln antisemitisch?
Ein Buch wirbelt ideologischen Staub auf: Charlotte Wiedemann, "Den Schmerz der anderen begreifen". Es diskutiert in Essays und Reportagen die Frage, "wie eine deutsche Erinnerungskultur den Holocaust im Zentrum behalten kann, sich aber gleichzeitig entwickeln und für die Erinnerung an anderen Menschheitsverbrechen öffnen kann". (taz 10.11.22) Explizit wird dabei auch das Genozid, das deutsche Kolonialtruppen im heutigen Namibia anrichteten, beschrieben.

Auch die Vertreibung und die Massaker an palästinensischen Arabern behandelt das Buch. Voraussehbar kommt Kritik, ja der Vorwurf des Antisemitismus auf. "miniaturen" hat über die Problematik bereits früher geschrieben. Aus aktuellem Anlass geben wir zwei der Beiträge noch einmal wieder.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 26. Oktober 2022
Neue Hoffnung nach den Katastrophen
Als die britischen Besatzer 1945 in das völlig zerstörte Hamburg einmarschierten, setzten sie als erstes eine Brauerei in Betrieb, sorgten dafür, dass die Straßenbahnen wieder fuhren und zwar mit neuen Fensterscheiben. Das Signal dieser zunächst verblüffenden Aktivitäten hieß: Es geht wieder aufwärts. Die Straßenbahnen fuhren in alle Stadtteile und trugen die frohe Botschaft überall hin. Und Bier gab's wieder und hob die Stimmung.

Als Hans Koschnik, Ex-Bürgermeister in Bremen, nach dem Balkan-Krieg EU-Administrator in Mostar für Bosnien-Herzegowina war, war er verantwortlich für den Wideraufbau. Koschnik hatte am Ende des Kriegs in Hamburg gelebt, und erinnerte sich an die verglasten Straßenbahnen. Nun gibt es in Mostar keine Straßenbahn, aber eine im Krieg zerstörte Brücke über den Fluss Neretva, das Wahrzeichen der Stadt. Die Brücke verbindet den bosnischen mit dem herzegowinischen Stadtteil. Koschnik sorgte als erstes dafür, dass dieses Wahrzeichen rekonstruiert wurde, als Symbol für den Wiederaufbau und die Verbindung der beiden Volksteile. Übrigens Mostar heißt Brücke.
-----------------------
Ähnliche Überlegungen werden jetzt für die Ukraine angestellt. Bereits jetzt während der russischen Bombardements auf die ukrainische Infrastruktur, sollen möglichst viele zerstörte Straßen, Brücken, Kraft- und Wasserwerke, Bahnhöfe und Gleisanlagen funktionsfähig gemacht werden. Das hat praktischen Nutzen, aber auch einen symbolischen: Die terrorisierten UkrainerInnen können so wieder Hoffnung schöpfen. Wie damals in Hamburg und Mostar.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Freitag, 21. Oktober 2022
Immer kürzere Laufzeit im UK
Bisher hielt Deutschland den Rekord. Der Deutsche Kaiser Friedrich III. wurde 1888 Nachfolger seines Vaters Wilhelm I. Schon bei seiner Thronbesteigung litt er an Kehlkopfkrebs und starb bereits 99 Tage danach.

Jetzt hat uns das Vereinigte Königreich den Rang abgelaufen. Die Premierministerin Liz Truss musste aufgrund ihrer völligen Unfähigkeit bereits nach 44 Tagen zurücktreten. Sie war die fünfte Premierministerin in den letzten sechs Jahren. Die Verfallszeit wurde im Laufe dieser Jahre immer kürzer. Es kann gut sein, das der/die nächste KandidatIn bereits am Tag ihrer Amtseinführung wieder abtritt. Es sei denn, es gibt Neuwahlen, aus denen die Konservativen als Verlierer hervorgehen, und Labour die Regierung stellt.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 28. September 2022
Inflation der Kirchenaustritte
Die Kirchen, besonders die katholische, spielen mit ihrer Existenz: Trotz massiver Kirchenaustritte können sie sich nicht zu Reformen entschließen.

Vor dreißig Jahren waren ca. 60 % der deutschen Bevölkerung Kirchenmitglieder und zwar jeweils ca. 30 % katholische und evangelische. Jetzt gibt es nur 50 % Kirchenmitglieder, ein massiver Schwund. D.h., dass ca. 8 Millionen ausgetreten sind, vor allem in jüngster Zeit und aus der katholischen Kirche. Die fehlenden Konsequenzen aus den Missbrauch-Skandalen waren entscheidende Auslöser.

Gut so und weiter so. Die Geschichte der Katholischen Kirche der letzten tausend Jahre beweist: Die ist nicht reformierbar. Bei der evangelischen ist die Geschichte nicht so lang (500 Jahre), unterscheidet sich in der Reformierbarkeit nur unwesentlich von der Konkurrenz.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 24. September 2022
Unwissenheit über Israel und Palästina
Das Thema Israel und die Palästinenser ploppt immer mal wieder hoch, zuletzt anlässlich der verschiedenen Auseinandersetzungen um vermeintlich oder tatsächlich antisemitische Exponate auf der dokumenta. Auch in Sachen Boykott von Waren aus den von Israel besetzten Palästinenser-Gebieten (BDS) wabern unterschiedliche Einschätzungen. Der Vorwurf, BDS sei antiisraelisch oder gar antisemitisch, trifft den Kern der Sache nicht. BDS richtet sich nicht gegen Israel als Ganzes, sondern nur gegen die israelische Besatzung im Westjordanland.

In der Debatte um die dokumenta kam u.a. die Behauptung auf, die israelische Armee habe während des Linanon-Kriegs 1982 das Massaker im Palästina-Flüchtlingslager von Sabra und Schatila (Libanon) verübt. Das ist in dieser verkürzten Form falsch und es darf nicht über die tatsächliche Beteiligung der israelischen Armee (IDF) hinweggetäuscht werden.

Die christliche Phalange-Miliz drang damals unter einem Vorwand mit Billigung der IDF in das Lager ein und richtete ein Blutbad unter der Zivilbevölkerung an, dem tausende zum Opfer fielen. Die IDF hatte das Lager umstellt und die Eingänge blockiert, in Anwesenheit des israelischen Verteidigungsministers Ariel Scharon und des Generalstabschefs Rafael Eitan. Die IDF lieferte zudem logistische Unterstützung (Planierraupen) und Verpflegung.

Die Generalversammlung der UNO und die israelische Kahan-Kommission wiesen der Armee eine Mitverantwortung zu. Das führte in Israel dazu, dass Eitan als Generalstabschef und Scharon als Verteidigungsminister zurücktreten mussten. Scharons politische Karriere war damit nicht beendet, er blieb Minister ohne Geschäftsbereich und schaffte es später bis zum Außenminister. 2000 provozierte er die zweite Intifada: er betrat in Begleitung von 1000 Polizisten, Militärs, Journalisten und Politikern den Tempelberg, der vor allem Moslems, aber auch Christen und Juden heilig ist. Der daraus resultierende Eklat motivierte eine konservative Mehrheit, ihn im Jahr darauf zum Ministerpräsidenten zu wählen.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 10. September 2022
Wie ich die Queen "erlebte"
Die englische Queen ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Daran kann ich ablesen, wie alt ich bin. 1952 wurden Elisabeths Krönungsfeierlichkeiten europaweit im Fernsehen übertragen. Beides waren damals Sensationen: einmal die Krönung selbst, dann das noch ganz junge neue Medium Fernsehen und schließlich, dass wir es in Deutschland und im übrigen Westeuropa live sehen konnten.

Es war zugleich das erste Fernseherlebnis, an das ich mich erinnern kann. Meine Eltern hatten kein Fernsehen, das damals noch ein kostspieliges und exklusives Vergnügen war. Aber unsere Nachbarn verfügten über ein Gerät und luden großzügig zum gemeinsamen Fernsehen ein.

Ich erinnere noch den beeindruckenden Pomp der Zeremonie. Zugleich entdeckte ich, dass auf den Filmaufnahmen die Räder der prächtigen Kutsche bei einer bestimmten Geschwindigkeit still zu stehen schienen, sich gar rückwärts drehten. Ich traute meinen Augen nicht. Als ich später im Kino in der Wochenschau das Phänomen noch mal und in Farbe (!) bestaunen konnte, bestätigten die Bilder den ersten Eindruck.

Niemand in der Familie oder in der Schule konnte das erstaunliche Phänomen wirklich erklären. Viel später lernte ich, dass es mit der Laufgeschwindigkeit des Films und dem Malteserkreuz zu tun hat.

Indirekt war ich 1965 vom ersten Besuch der Queen in Deutschland nach dem Krieg berührt. Das Protokoll sah vor, dass sie das damals wichtigste Literaturmuseum der Bundesrepublik in Marbach besuchen sollte, in dem meine Schwester arbeitete. Für die sehr provinzielle Kleinstadt am Neckar war das natürlich eine Sensation und die Begleitumstände unbegreiflich. So beschwerte sich der Hausmeister des Museums, dass fremde Männer in den Gartenanlagen rund ums Museum krochen. Er musste es dulden: es waren die Sicherheitsbeamten.

Später wurde gemunkelt, die Queen habe gar nicht das Marbach am Neckar mit dem Schiller-Nationalmuseum, sondern den gleichnamigen Ort mit einem weltberühmten Pferde-Gestüt auf der schwäbischen Alb besuchen wollen. Was plausibel erschien, denn die Königin war als Pferdeliebhaberin , weniger als Literaturfreundin bekannt.

Und nun sehe ich wiederum im Fernsehen die Zeremonien der Trauerfeierlichkeiten und erkenne wie alt auch ich schon bin.

... link (0 Kommentare)   ... comment