Samstag, 27. Februar 2021
Parallelgesellschaften und Pflegeberufe
Ein konservatives Schimpfwort laute: "Parallelgesellschaft". Es wird meist auf die muslimischen Minderheiten oder andere Immigranten angewandt, die damit kritisiert werden, dass sie sich der deutschen "Leitkultur" nicht unterwerfen, sondern eigene Identitäten entwickeln.

Dabei wird gerne übersehen, dass es Parallelgesellschaften unter überwiegend deutsch-stämmigen gibt, die zudem erheblichen Einfluss auf Politik und Gesellschaft haben. Wie das? Das zu erörtern, muss etwas weiter ausgeholt werden.

Im Herbst 2020 handelte die Gewerkschaft verdi einen Tarifvertrag mit 1,4% Lohnsteigerung (das ist nun wirklich nicht viel!) aus. Er sollte vor allem die Pflegeberufe mit 1,2 Mio. Beschäftigten besser stellen. Schnell stellte sich heraus: nicht einmal 1/3 aller Pflegenden profitierten davon, nämlich nur die, die in öffentlichen Pflegeeinrichtungen arbeiten. Die übrigen 2/3 Beschäftigte arbeiten bei der katholischen Caritas, der evangelischen Diakonie oder bei privaten Trägern. (vgl. Beiträge vom 9. und 24.11.2020)

Jetzt wollte Bundesarbeitsminister Heil (SPD) diese steile Schieflage regulieren: Er strebte einen bundeseinheitlichen Tarifvertrag für ALLE Pflegeberufe an. Nur leider hat er die Rechnung ohne die Wirte gemacht. Caritas und Diakonie, die dazu gehört werden müssen (wieso eigentlich?), lehnen den Plan rigoros ab, womit er gescheitet ist. Wie das?

Die christlichen Träger haben sich schon lange aus der Verfassungsnorm ausgeklinkt. Laut Grundgesetz hat jedeR Beschäftigte ein Streikrecht. Nicht so die Christen. Sie planierten sich einen "Dritten Weg", auf dem Gewerkschaften, Streikende und Arbeitsrechtler kein Wegerecht haben. Dort gibt es weder Betriebs- oder Personalräte nach herrschendem Recht, noch Tarifverhandlungen oder gar Streiks. Kurzum: 2/3 aller in der Pflege Beschäftigten leben in einer arbeitsrechtlichen PARALLELGESELLSCHAFT, in der Verfassungs- und Arbeitsrecht nicht gelten. Und im Kielwasser segeln die Privaten, die sich einen Teufel um Tarifrecht scheren.

Die Rechte und Interessen der Pflegerinnen und Pfleger bleiben damit auf der Strecke.

... comment