Dienstag, 10. November 2020
Corona-Tagebuch 75.: Bill Gates, der Alu-Hut und „die da oben“
chaira, cheure, cheire nipton
Der Corona-Protest am Wochenende wirft viele Fragen auf. Eine davon lautet: Was sind das für Menschen, die da teils gewalttätig demonstrierten, ohne Maske und Abstand, auch ohne sozialen Anstand? Politisch scheint das Spektrum von rechtsextrem und –terroristisch bis bürgerlich-liberal zu reichen.

Soziologisch liegt die Vermutung nahe, dass es Marginalisierte bzw. von Marginalisierung Bedrohte sind. Wieso? Weil diese Menschengruppe gerne dazu neigt, ihre wirtschaftliche und soziale Lage irrationalen Mächten zuzuschreiben. Denn irgendeiner oder irgendetwas muss ja schuld sein. Heute sind das „die Politiker“, „die Mainstream-Presse“, Bill Gates, gelegentlich auch „die Juden“, „die Außerirdischen“ oder gar „unsichtbare Strahlen“, gegen die man sich mit Alu-Hut schützen muss.
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Individualpsychologisch ist das verständlich: Das eigene seelische Chaos, in das die soziale und wirtschaftliche Unsicherheit ihre Opfer treibt, lässt sich besser aushalten oder vielleicht sogar überwinden, wenn man in etwas Irrationalem, einem Aberglauben, vielleicht auch einer Religion einen vermeintlichen Halt sucht. In Zeiten von Corona wird das zusätzlich virulent. Tatsächlich trifft der zweite wie der erste Lock-Down sozial schwache und prekär Bedrohte heftiger als die mit gutem und festem Einkommen. Und so suchen die Marginalisierten ihre Zuflucht zu Mythen und radikalem Gedankengut, das sich jetzt sogar explosiv in Gewalttaten ein Ventil sucht. Und endlich ist auch wieder mal 'was los!

Da drängt sich der Vergleich mit 1933 auf. Auch damals bildeten die weniger Begüterten, Marginalisierten die Massenbasis für die Nazis. Und die Schuldigen waren damals „die Juden“. Und die neuen Nazis mischen heute wieder kräftig mit.

Bleibt aufrecht und gesund!

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