Dienstag, 11. Februar 2020
Sexismus, platte Witze und Prominenz
Eigentlich wollte ich die „Tagesthemen“ sehen, aber die waren – mal wieder! – von ihrem Sendplatz vertrieben worden. Das passiert regelmäßig bei Sport-, Quizz-, anderen Unterhaltungssendungen und wie eben beim Karneval. Und das war auch diesmal der Fall. Also blieb ich beim Aachener Karneval hängen.

Karneval war eigentlich eine Zeit, in der das „gemeine Volk“ einmal im Jahr die Sau `rauslassen durfte. Die Kostümierungen waren Parodien auf das napoleonische Besatzungsheer, die Witze richteten sich gegen „die da oben“.

Einst ein widerständiges Volks-Vergnügen


Diese anarchischen, widerständigen Elemente sind dem Karneval längst ausgetrieben worden – nicht zuletzt durch das Fernsehen. Die gestrige Veranstaltung zur Verleihung des „Ordens wider den tierischen Ernst“ an Armin Laschet versammelte so ziemlich alles, was im Land NRW, und vieles was in der Republik Rang und Namen hat. Das Volk kam allenfalls zufällig als Kellner ins Bild. Oder als Kostümierung, wie letztes Jahr AKK als Putzfrau oder diesmal einer als Bauer.

Die Auswahl der Prominenz war höchst sorgfältig auf CDU-Größen konzentriert. Natürlich der Möchte-Gern-Kanzler und ewige politische Looser Merz, dann die ewig lächelnde Klöckner (Landwirtschaftsministerin), ehemalige Politgrößen wie Bernhard Vogel und Jürgen Rüttgers und viele mehr. In der Rede des Ordensträgers wurden harmlose Scherze über die Politkollegen gemacht. Prominente Sozialdemokraten, Linke oder Grüne fehlten. Der Grüne Robert Habeck wurde als Reblaus, also Schädling, tituliert, Seitenhiebe auf FDP-Politiker und Rechtsextreme - na gut, das mag im Karneval durchgehen. Dafür wurden immer wieder die CDU-Größen von den Kameras im Close-Up ins Bild gezoomt und gezeigt, wie sie sich vor Vergnügen bogen.

Die Prinzengarde zeigte Artistisches, auch die lieben Kleinen wurden auf der Bühne präsentiert und lieferten brav ein Gedicht ab.

Gänzlich unerträglich waren die „Komiker“, besonders dann wenn sie sexistische Witze breit auswalzten, deren Wirkung auf Prominente und weniger Prominente – schallendes Gelächter, breit lachende Gesichter – groß ins Bild gesetzt wurde. Für eine Zote geschlagene 86 Sec. Und immer wieder: TUSCH. Selbst die Tanzdarbietungen entbehrten nicht eines dezenten Sexismus. Sex sells, ist aber schon lange keine widerständige Provokation mehr!

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Eine Ausnahme bildete der Auftritt Wilfried Schmicklers in der Rolle des Kaisers Karl („der Große“), der mahnend der Versammlung den links-politischen Zerrspiegel vorhielt. Schmickler enttäuschte den gebildeten Kabarett-Freund nicht! Allein: seine Wirkung verpuffte, weil bei seinem Abgang durch das Publikum sich selbiges bereits auflöste. Auf der Bühne turnte derweil eine Tanztruppe im Light-Show-Gewitter gegen den einzigen wirklich kritischen Auftritt des Abends erfolgreich an. Fast 3 Mio. Zuschauer zählte das Quoten-Barometer.

Ich schwöre: Ich werde zukünftig meinen Fernsehkonsum besonders im Karneval noch kritischer dosieren!

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