Samstag, 2. Mai 2020
Corona-Tagebuch 17.: Der Bonus hinkt
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sieht nicht nur so aus, er ist ein Chamäleon. Als die Corona-Epidemie auf Deutschland überzugreifen begann, spielte er die Gefahr runter, indem er sie mit der jährlichen Grippewelle verglich. An dieser Krankheit stürben jährlich 20.000 Menschen in Deutschland. Da sei Corona vergleichsweise harmlos. Die Botschaft: wir haben alles im Griff.

Man brauchte keine Wetten darauf abzuschließen, wie schnell er seitdem seine Meinung änderte. Er entpuppte sich als einer der Scharfmacher in Sachen Prävention. Als klar war, dass das Gesundheitssystem mit der Pandemie überfordert war – Personalmangel, fehlende Betten und Intensivplätze, keine Schutzmasken und –anzüge in den Kliniken – und der Unmut des medizinischen Personals und der Pflegekräfte in den Altenheimen lauter wurde, versprach er allen Beschäftigten einen Bonus von 1.500 €. Schlagwort: Der Bonus kommt.

Jetzt müsste das Versprechen langsam eingelöst werden Da scheint es, dass der Bonus eher hinkt. Es ist nur noch von 1.000 – 1.500 € die Rede, die aber nicht die Bundesregierung zahlen will. Jetzt sollen die Pflegekassen zwei Drittel zahlen, den Rest sollen die Länder und die Arbeitgeber aufbringen. Und vom Klinikpersonal ist überhaupt nicht mehr die Rede, sondern nur noch vom Pflegepersonal.

Was ist also von den Verlautbarungen und Zusagen der letzten Woche zu halten? Gar nichts! Schöne Aussichten.

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Mittwoch, 29. April 2020
Corona-Tagebuch 16.: Etwas Normalität
Nach mehreren vergeblichen Versuchen habe ich heute meinen Friseur am Telefon erreicht und um einen Haarschneide-Termin gebeten. Zu meiner freudigen Überraschung bot er mir am nächsten Donnerstag einen an. Allein der sonst eher behäbige Chef war total aufgeregt: Er habe die Auflage, keine Bärte und Augenbrauen und nur mit Wäsche zu schneiden. Und ich müsse einen Mundschutz tragen. Mir war alles recht, so wollte ich es auch sonst schon immer haben. Nur der Mundschutz war neu.

------------------ Nicht mein Hinterkopf. Wer hat's erraten?

Und er klagte mir, die Handwerkskammer habe ihm zahlreiche weitere Auflagen erteilt. Er habe schon einige hundert Euro für Desinfektionsmittel ausgegeben. Und heute noch tage die Bundesregierung und er könne nicht garantieren, dass mein Termin dann wieder gekippt werde.

Ich war froh, dass zumindest auf diesem Gebiet wieder etwas Normalität eingekehrt war. Immerhin waren meine spärlichen Haare inzwischen überlang geworden.

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Dienstag, 28. April 2020
Corona-Tagebuch 15.: Lieblingslokale und Außer-Haus-Verkauf
Nach zwei Wochen stellen wir fest: es gibt Restaurants, die inzwischen außer Haus Essen verkaufen. Wir fangen bei unserer Lieblings-Chinesin an. Am Telefon berät sie uns, was wir bestellen sollen: diese beiden Suppen, das Lammgericht und den Tintenfisch nehme Sie immer.“ Ein anderes Mal entdecken wir vor unserer „Stammkneipe“ einen Aufsteller: „Ab sofort“ mit Öffnungszeiten und einer reduzierten Speisekarte. Das machen wir als nächstes. Schließlich ein Anruf von einem Restaurant, in dem wir auch gelegentlich essen: „Wir verkaufen jetzt auch außer Haus. Die Speisekarte finden sie im Internet.“ Machen wir auch.

Auf dem Weg zum Optiker komme ich an unserem Lieblings-Italiener vorbei. Er hat eigentlich aus bekanntem Grund geschlossen, die Tür steht aber offen. Angelo sieht mich, kommt heraus und teilt mir mit, was ich auf dem Aufsteller schon gelesen habe: Für Außer-Haus-Verkauf ist täglich von 17 – 20 Uhr geöffnet. Und er gibt mir noch seine „Corona-Speisekarte“ mit.

Leider entstehen durch diese „neue Gastronomie“ Berge von Verpackungsmüll: Aluminium-Folie, Styropor-Boxen, Frischhalte-Folien, Plastik-Tüten. Ist aber leider nicht zu vermeiden. Schon deswegen hoffen wir auf eine baldige Öffnung der Lokale!

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Montag, 27. April 2020
Corona-Tagebuch 14.: Corona - Fake News?
Nachdem D. „Tolle“ Trump mit seiner Empfehlung, Corona-Patienten Desinfektionsmittel zu injizieren, weltweit auf empörten Widerspruch gestoßen war, hat er sich oder haben seine Berater ihn nun in Sachen Seuche aus dem Verkehr gezogen. Er will die täglichen Pressekonferenzen zum Thema Corona einstellen. Natürlich nicht, ohne erneut gegen die kritische Presse zu polemisieren: „Fake News, nur feindliche Fragen, statt über die Wahrheit zu berichten“.

Der Mann ist krank, aber was noch viel schlimmer ist: er ist gefährlich, extrem gefährlich. Aber was ist zu tun? Seinen Beratern und anderen Speichelleckern folgt er nur, wenn sie seine Meinung vertreten. Jede noch so leise Kritik quittiert er mit Entlassung. Aktuell soll der Gesundheitsminister Alex M. Azar II auf der Abschussliste ganz oben stehen.

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Corona-Tagebuch 13.: Es gibt auch Lachen
Gestern kommen wir von einer kleinen Fahrradtour nach Hause. Vor der Tür treffen wir ein befreundetes Paar „mit Migrationshintergrund“. Sie bringen uns ein Ostergeschenk, selbstgemachte Marmelade und Feigen. Scherzhaft lädt meine Frau sie ein mit hineinzukommen. Was wir mit herzlichem Gelächter quittieren. Sie sind bereits ziemlich frustriert von der Kontaktsperre. Die Kinder können nicht in die Schule, die Tochter nicht zur Uni, wie sollen die das nachholen. Und alle hocken zu Hause und gehen sich gegenseitig auf die Nerven. Empörung über die Situation in der Türkei mit ihrer unglaublichen Zick-Zack-Politik in der Pandemie.

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Samstag, 25. April 2020
Corona-Tagebuch 12.: Telefon, E-Mail, Transparenz
Ostern telefonieren wir exzessiv mit nahen und entfernteren FreundInnen, einmal um deren Stimme, Stimmung und Lösungen zu erfahren, andererseits um Anregungen zu bekommen und zu vermitteln. Ein Freund schickt uns lustige Karikaturen und den Link zu einer Sendung über Arno Schmidt zu – ich bin einer seiner Fans. Ich verteile Lese-Anregungen zum Thema Reisen auf meinem Blog. Meine Schwester im Pflegeheim – komplettes Kontaktverbot – rufe ich jetzt häufiger an. Siehe da, es gibt wieder mehr Gesprächsstoff.

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Mit einem befreundeten Paar – Abstand zwei Meter – diskutieren wir die Krise allgemein-politisch. Die Frauen befürchten, dass das alles ein abgekartetes Spiel ist. „Wer weiß, was am Ende dabei noch herauskommt!“ Ich halte dagegen: „Kaum eine politische Krise wurde in der Vergangenheit so transparent kommuniziert, wie die gegenwärtige.“ Ich bin manchmal schon genervt: Kaum machst du das Radio an, dann wird dir schon das aktuelle Corona-Update präsentiert. Gerade unter den Bedingungen der Kontaktsperre möchte ich auch mal was anderes hören, sehen und lesen. Da sind wir vier uns wieder einig.

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Freitag, 24. April 2020
Kleine Pannen erhöhen das Vergnügen
Die kleinen Pannen machen aktuelle Nachrichten erst richtig interessant: Wenn die gewohnte Ordnung im Studio, in der Regie oder der Technik durch die kleinen Pannen „gestört“ wird, wird der von der Alltags-Politik und den Alltags-Nachrichten gelangweilte Zuschauer wach. Das war am Freitag, 24.04.20 um 20 Uhr in der Tagesschau (ARD) der Fall.

Noch als sie schon im Bild war, knöpfte Susanne Daubner den untersten Knopf ihres Blazers zu. Der mittlere musste offen bleiben. Erst als das erste Thema mit einem Einspieler begonnen wurde, fand sie Zeit – off records – ihre Garderobe zu vervollständigen. Nach dem Einspieler war auch der mittlere Knopf zu.

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Ihre Erleichterung wie die der Regie war fast zu hören. Schön wäre es natürlich gewesen, wenn Frau Daubner selbstironisch gelächelt hätte. Aber dazu ist sie – leider – zu sehr Profi.

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Corona-Tagebuch 11.: Digitalisierung? Nicht für Arme!
Das Bundeskabinett hat eine neue Charge von Hilfsmitteln für Shut-Down-Opfer beschlossen. Das Kurzarbeitergeld u.a. wurde erhöht. Besondere Aufmerksamkeit verdient eine Maßnahme, mit der die Digitalisierung allgemein wie die der Schulen vorangetrieben werden sollen. Bedürftige Familien bekommen einen Zuschuss von 120 (einhundertzwanzig!) Euro dafür, dass die Kinder ihre Schularbeiten zu Hause machen können.

Mir stockt der Atem: 120 Euro. Davon kann man gerade einen Drucker, ein paar Kabel und drei Packen Papier kaufen. Was nützt das den Familien, die bisher nicht einmal einen Lap-Top hatten? Rein gar nichts! Und das sind die bedürftigen Familien, die sowieso mit ihrem Geld nicht auskommen. Es hat Gründe, und zwar finanzielle, dass denen die Digitalisierung am Hintern vorbeigeht.
Leider nicht für jedermann:
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D.h., die eigentliche Zielgruppe wird wieder nicht erreicht. Ihre Benachteiligung bei der Bildung wird nicht aufgehoben, sondern eher verstärkt. Das Ziel „ärmere Kinder nicht abzuhängen“, wird so jedenfalls nicht annähernd erreicht. Die anderen Familien, Mittel- und Oberschicht, streichen das Geld als freundliche Geste ein.

Dass Bildungs- und FinanzministerInnen sich nicht schämen, solch ein Angebot zu machen!

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Mittwoch, 22. April 2020
Corona-Tagebuch 10.: Masken, Gummis und Blockbuster
Nun ist es passiert: bundesweite Maskenpflicht für Passagiere öffentlicher Verkehrsmittel und Kunden in Läden. Auch Bremen ist als letztes Bundesland betroffen. In der Nachbarschaft setzt Hektik ein: Frauen mit Nähmaschinen, durchforsten ihre Stoffreste und bieten sich als Näherinnen an. Ich habe in meinem Nähkasten unvermutet 3 (drei) Karten mit Gummibändern gefunden. Gummibänder – neben Klopapier, Nudeln, Mehl und Hefe – ein begehrter Artikel. Ich kann helfen. Ab kommenden Montag sind Masken obligatorisch. Unsere Nachbarschaft kann mithalten, Dank meiner Gummiband-Reserven. Welch schönes Gefühl inmitten der Krise.
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Übrigens seit Neuestem sind Eintrittskarten für Autokinos begehrte Objekte. Diese alte „Kultur“ soll den Kinobesuch ersetzen. Nur laufen leider wie damals in den 50er, 60er Jahren die massenwirksamen Blockbuster. Nichts für mich, heute wie damals, als ich schon nie ein Autokino besucht habe. Das hat der Cineast nun von seinem elitären Geschmack!

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Corona-Tagebuch 9.: Schlechte Zeit für Pannen
Die „freie Zeit“ nutze ich, um endlich mein Arbeitszimmer zu putzen, was u.a. wegen der vielen Bücher immer zeitraubend und anstrengend ist. Prompt verfehle ich mit zwei Armen voller Bücher die unterste Leitersprosse, knalle mit der Wade gegen die scharfe Kante eines Hockers. Daraus entsteht eine Hühnerei-große Beule, die in den nächsten Tagen noch anschwillt. Ich beschließe einen Arztbesuch.

Allerdings ist mein Hausarzt im Urlaub, ich gehe zu seiner Vertretung. Vorsichtshalber rufe ich an und erfahre: ich kann sofort kommen. Am Eingang der kleinen Praxis muss ich klingeln, die Tür wird geöffnet. Inzwischen kommen weitere Patientinnen, die hinter mir im kalten Wind warten müssen. In der Tür steht vor mir eine Frau mit einer Gesichtsmaske und hält Abstand. Sie fragt mich etwas, ich verstehe sie nicht. Schließlich werde ich initiativ, sage ich hätte angerufen und eine Wunde am Unterschenkel. Die Ärztin – als die die Frau sich herausstellt – misste sofort erst mal meine Körpertemperatur. Sie hält möglichst Abstand, was in der kleinen Praxis fast unmöglich ist. Dann darf ich Platz nehmen und das Gespräch und die Untersuchung beginnen.

Natürlich passen genau zum ungünstigsten Zeitpunkt Pannen: Meine Brille geht kaputt, das Netzteil vom Smartphone gibt seinen Geist auf, ich verletze mich am Bein. Die Behebung dieser „Unglücke“ erfordert Beharrlichkeit und Phantasie. Die Handy-Läden dürfen nur Reparieren und nicht verkaufen. Erfordert das defekte Netzteil eine Reparatur oder einen Neukauf. Schließlich finde ich einen Laden, der die Frage in meinem Sinn beantwortet. Der Optiker hat nur zu bestimmten Zeiten geöffnet, auch nur für Reparaturen. Meine Brille kann er nicht reparieren und muss eingeschickt werden. „Wie lange das dauert – keine Ahnung, kann länger dauern wegen Corona.“

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Dienstag, 21. April 2020
Corona-Tagebuch 8.: Bewegung an frischer Luft, juchhe
Trotzig beschließen wir, am übernächsten Tag einen Ausflug an die Küste. Wir nehmen wie üblich die Fahrräder mit und radeln ein Stück am Deich hin und zurück. Am beliebten Strandcafé ist Hochbetrieb, obwohl nicht einmal der Eisverkauf geöffnet ist. Weiter weg vom Café treffen wir nur wenige Menschen, die alle auf Abstand achten. Es ist schön, bei dem sonnigen Wetter am Wasser zu sein und richtig weit gucken zu können. Heute können wir nicht wie sonst auf dem Rückweg in unserem Lieblingslokal Scholle und Matjes essen: geschlossen. Also zaubert Gerhild ein Abendessen. Das wird auch die nächsten zwei Wochen so bleiben: sie findet und erfindet immer neue Gerichte!

Kleine Radtouren im und außerhalb des Stadtgebiets machen wir fast tägliche. Der Mensch muss ja in Bewegung bleiben. Die alltäglichen Besorgungen machen wir sowieso immer mit dem Fahrrad. Ich habe auch meinen Expander hervorgeholt, um die ausgefallenen Sport-abende zu kompensieren. Ich nehme mir auch vor, regelmäßig Dehnungsübungen zu machen.

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Montag, 20. April 2020
Corona-Tagebuch 7.: Widersprüche
Die Beleuchtungsanlage des Fahrrads meiner Frau ist schon lange unzuverlässig. Ebenso lange will ich sie neue verkabeln. Ich rechne nicht damit, dass ein Fahrradladen offen hat, weiß aber, dass der Baumarkt ebenfalls Fahrradzubehör führt. Also hin und – oh Schreck – dort stehen schon zwanzig Wartende vor dem Eingang im kalten Wind und werden nur einzeln hereingelassen. Schließlich bin ich dran, kurve durch die Gänge zielsicher zur Fahrradabteilung – und finde kein Kabel. Erfolglos und missmutig trolle ich mich. Auf dem Rückweg komme ich bei der ganz kleinen Fahrradwerkstatt von Herrn B. vorbei: Er hat offen, ohne Warteschlange und verkauft mir das gewünschte Kabel.

Ich habe einen Arzttermin. Im Wartezimmer nur wenige Patienten, immer schön auf Abstand. Wir werden aufgefordert beim Betreten und Verlassen der Praxis die Hände zu desinfizieren. Ich wundere mich: Hieß es nicht das Händewaschen besser und Desinfizieren eigentlich überflüssig sei? Langsam registriere ich, dass die Sache doch mehr Aufmerksamkeit erfordert als erwartet. Den nachmittags geplanten Sprachunterricht für einen syrischen Flüchtling sage ich ab.

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Sonntag, 19. April 2020
Corona-Tagebuch 6.: Kommunikation in der Schlange
Vor dem Bäcker steht am Oster-Samstag eine lange Schlange, immer schön zwei Meter Abstand zwischen den Wartenden. Ich habe die Brötchen vorbestellt. Den erste Mann vor der Ladentür frage ich, ob ich vorgehen kann: „Ich hole nur Bestelltes ab.“ Kurz, aber freundlich nickt er, ich gehe rein und bin schon wieder mit meinem Brötchenbeutel weg.

Beim Schlachter eine noch längere Warteschlange, die bis zum übernächsten Grundstück reicht, immer schön Abstand. Die Frauen – vor allem die – unterhalten sich, niemand nörgelt oder drängelt. Ein dicker Mann entdeckt auf der anderen Straßenseite eine Bekannte und beginnt eine lautstarke Unterhaltung. Hinterher wissen auch alle anderen Bescheid über ihn und seine Bekannte. Im Laden dürfen gleichzeitig max. drei Personen sein, die Verkäuferinnen bedienen schnell. „Meine“ ist froh, dass ich vorbestellt habe, so bin ich schnell wieder draußen.

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