Sonntag, 20. November 2016
Die Überheblichkeit der Berichterstatter
Aus Anlass der Belagerung von Aleppo habe ich am 27.8.16 über „sog. unabhängige Berichterstatter“ reflektiert. Die Tagesschau am 20.11. d.J. gibt erneut zu denken.
In der Nachricht über die Bombardierung des letzten Krankenhauses – verantwortlich können nur sein: die syrische oder die russische Luftwaffe – werden Bilder von zerstörten Gebäuden, flüchtende Menschen, Krankenbetten und Helfer in Räumen, in denen der Staub wabert, gezeigt. Und nun kommt‘s: Der Off-Kommentator weist darauf hin, dass „eine unabhängige Bestätigung der Aufnahmen“ nicht zu haben ist!
Was muss bei solchen Bildern noch bestätigt werden? Dass sie nicht im Studio oder irgendwo auf der Welt „gefakt“ sind? Die offensichtliche Brutalität wird so klein gemacht. Der Zynismus, die Überheblichkeit, die Ignoranz des „unabhängigen Berichterstatters“ macht wütend. Wie kann sich der schockierte Zuschauer dagegen wehren?

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Donnerstag, 6. Oktober 2016
60 Jahre Ungarn-Aufstand
Anfang November jährt sich der Aufstand der Ungarn gegen die Diktatur und die sowjetische Besatzung zum 60. Mal. Ich erinnere mich: mit heißen Ohren verfolgte ich die Nachrichten am Radio. Besonders eingeprägt hat sich mir der leidenschaftliche Appell an den Westen, die Aufständischen zu unterstützen. Er war folgenlos.
Damals flüchteten hunderttausende über die ungarisch-österreichische Grenze. Allein Deutschland nahm 200.000 Flüchtlinge auf. Die deutsche Bevölkerung sammelte 1. Million DM zur Unterstützung dieser Menschen.
60 Jahre später: Die ungarische Regierung hat gerade ein Referendum über die Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen u.a. aus Syrien verloren, weigert sich aber beharrlich, die Menschen aufzunehmen, ja schottet sich sogar durch Sperrzäune nach außen ab.
Diese Geschichtsvergessenheit macht wütend. Fast möchte man den Ungarn wieder die Sowjets auf den Hals wünschen, damit sie noch mal erfahren, wie wichtig das Recht auf Asyl und Hilfe ist.

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Sonntag, 2. Oktober 2016
Hybrid-Motor ist Scheiße!
Japanische Autobauer sind jetzt mit einem Hybrid-Auto auf den deutschen Markt gekommen, reichlich spät. Die Technik gab es bereits seit Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Damals führte ich Seminare mit Auszubildenden von Mercedes und VW zum Thema „Auto und Umwelt“ durch. Die Seminare dienten der Sensibilisierung der Teilnehmenden für Umweltfragen und stellten Alternativen zum Autoverkehr vor.
U.a. wurde über den Hybrid-Motor informiert: ein Verbrennungsmotor läuft mit gleichbleibender Drehzahl im Bereich der höchsten Effizienz, speist eine Batterie, die dann über einen Elektromotor den Wagen antreibt. Neben der Umweltfreundlichkeit durch geringere Abgase benötigt der Hybrid kein Schaltgetriebe.
Kommentar eines Azubis: „Das ist ja Scheiße, dann kann man ja gar nicht die Gänge so richtig hochziehen!“
Mit reiner Vernunft ist solch irrationalem Denken kaum beizukommen.

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Freitag, 16. September 2016
Kind oder Illu
Neulich im Wartezimmer eines Arztes:
Die Mutter blättert in der Illustrierten, guckt die Bilder genau an, liest in dem einen oder anderen Artikel. Die etwa sechsjährige Tochter rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, sucht Körperkontakt, sucht Blickkontakt, erfolglos.
Mutter blättert ungerührt weiter.
Dann: "Mama, wenn ich diese Krankheit habe, ist das schlimm? - Mama, kann man daran sterben? - Mama, wenn ich sterbe...."
Der Rest ist unverständlich. Mama blättert weiter ungerührt in der Illu.
Ich hätte gerne laut geschrien: ALTE, DEIN KIND HAT EIN PROBLEM! REDE MIT IHM! Hab ich aber nicht, ich hätte des ganze Wartezimmer gegen mich gehabt. UM SO SCHLIMMER.

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Mittwoch, 14. September 2016
Verpatztes Date
Neulich sagt die Freundin zur besten Freundin - und nur der sagt frau sowas: "Heute Abend habe ich ein Date mit einem total süßen Typ."
Am nächsten Morgen fragt die beste Freundin die Freundin: "Na, und, wie war's?" - Darauf die Freundin: "War nichts. Der Typ trug das T-Shirt IN der Hose!"

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Samstag, 27. August 2016
Die sog. unabhängigen Berichterstatter
Gerade mal wieder versagt der klassische Journalismus bei seiner Aufgabe, über wichtige Ereignisse zu berichten. Die syrische Stadt Aleppo befindet sich im Belagerungszustand und kein Journalist kommt in die Stadt, um über die Verhältnisse „objektiv“ zu berichten.
In der Stadt gibt es aber Menschen, die per Internet, Skype und Handy berichten. Nur leider sind das gar keine „richtigen“ Journalisten. Ihre Meldungen werden von den etablierten Medien mit Skepsis aufgenommen: „Eine Bestätigung durch unabhängige Berichterstatter war nicht zu erhalten.“ Und das obwohl diese „Barfuß-Journalisten“ unter Lebensgefahr Nachrichten sammeln und kommunizieren.
Hinter solchen Formulierungen steckt eine gehörige Portion Selbstgerechtigkeit und Anmaßung. Man tun so, als seien die etablierten Medien objektiv, berichteten vorurteilsfrei und ehrlich. Ja, das gilt für einen großen Teil der Medien, aber: „Als erstes stirbt im Krieg die Wahrheit.“
Wieviel Unsinn wird vor allem über entlegene Weltgegenden berichtet. Die Korrespondenten sitzen weit vom Ort des Geschehens: Aus Kairo wird über den gesamten arabischen Raum berichtet, ein Afrika-Korrespondent einer an sich seriösen Tageszeitung sitzt in Berlin. Ein Berichterstatter über Libyen residiert in Madrid. Häufig waren diese Journalisten nie in ihrem Leben in den Ländern, über die sie schreiben oder reden. Woher haben sie dann ihre Informationen? Aus anderen Medien oder Nachrichten-Agenturen.
Ich will gar nicht einmal in der Mehrzahl der Fälle böse Absicht unterstellen, aber unter diesen Bedingungen gibt es keine „Objektivität“ (abgesehen davon, dass aller Journalismus interessengeleitet ist).
Aber auch die böse Absicht kommt vor. Wie oft haben „BILD“ und „RTL“ Nachrichten erfunden, „gefakt“ im schönsten Neudeutsch.
Da soll der um wahrheitsgemäße Information bemühte Medien-Konsument noch mal durchsteigen.

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Donnerstag, 25. August 2016
War Henryk M. Broder je ein Linker?
Die taz vom 25.8.16 setzt sich unter der Überschrift „Scharf rechts abgebogen“ mit Henryk M. Broder kritisch auseinander. Die Unterstellung lautet: Broder war links und paktiert jetzt mit Kräften aus dem rechten Lager. Wie links war Broder je?
Angefangen hat er mit den sexistischen „St. Pauli Nachrichten“. Nun ja, da war er in guter linker Gesellschaft und der damalige Sexismus galt als fortschrittlich, weil er die verkniffene Moral der 50er und 60er Jahre attackierte.
Später zeichnete er sich als Viel- und Alles-Schreiber aus, wobei seine linken Positionen m.E. eher dem Zeitgeist huldigten.
Dann bemühte er sich, allenthalben Antisemitismus aufzuspüren: Gerhard Zwerenz bezichtigte er des Antisemitismus wegen dessen Kritik an Israels Besatzungspolitik. Gar Erich Fried, selbst Jude und deswegen als Kind österreichischer Emigranten im Exil in England aufgewachsen, wurde wegen seiner Israel-Kritik „Höre Israel“ von Broder zum Antisemiten gestempelt. Bizarrer geht’s kaum!
Wie links Broder war, ist schwer zu beurteilen. Mir scheint eher, dass er sich dem jeweiligen Zeitgeist, oder was er dafür hielt, chamäleonhaft anbiederte. Das einzige Kontinuum Broderscher Parolen lautet: Auffallen um jeden Preis durch Provokationen. Dies sichert ihm die Aufmerksamkeit konservativer bis liberaler Gazetten von „Welt“ bis „Zeit“ und die entsprechenden Honorare.
Heute würde er sich in der Nachbarschaft des Ex-Linken, Ex-Terroristen und heute bekennenden Rechtsextremisten Horst Mahler sicher gut aufgehoben fühlen. Ach ne, geht nun auch nicht, denn der ist ausgewiesener Antisemit.
Aber wer weiß, vielleicht springt Broder doch noch über diesen Schatten. Diese intellektuellen Wendehälse sind immer da, wo sie vermeintliche "stärkeren Bataillone" vermuten. Darin ähneln sie dem kleinbürgerlichen Spießer frappant.

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Freitag, 22. Juli 2016
Türkei in Not
Alle Welt ist besorgt über die Entwicklung in der Türkei. Alle? Nein, die Bundesregierung eher nicht. Die Kanzlerin übt sich in vornehmem Schweigen und der Außenminister mahnt großväterlich.
Dabei ist große Sorge angesagt. Tausende sind inzwischen inhaftiert oder ihrer Posten in Militär, Polizei, Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung enthoben. Presseorgane und Rundfunksender sind geschlossen, Internet-Seiten abgeschaltet worden. Die systematischen „Säuberungen“ gehen – offensichtlich nach lange vorbereiteten Listen – weiter. Die Mobilisierung der Massen, die der Diktator anstachelt, die Einführung der Todesstrafe zu fordern. Der nationale Notstand ist ausgerufen, Grund- und Verfassungsrechte außer Kraft gesetzt. Der Präsident hat seine Prätorianergarde (Polizei) gegen Teile des Militärs in Stellung gebracht. Omnipotenz-Fantasie und chauvinistischer Nationalismus wetteifern. Den Putsch bejubelt er als „Geschenk Gottes“. Angebliche oder wirkliche Anhänger von Gülen, Erdogans früherer Verbündeter, werden systematisch verfolgt. Ethnische und religiöse Minderheiten ebenso. Ein Land in Angst und Schrecken.
Dabei müsste uns Deutschen das Muster bekannt sein: es ist das Muster der faschistischen Machtergreifung 1933. Damals war der Anlass der Reichstagsbrand, im Ermächtigungsgesetz wurde die Verfassung außer Kraft gesetzt, durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Beamtentums wurden Juden (religiöse Minderheit), Kommunisten und Sozialdemokraten aus dem öffentlichen Dienst entfernt. SS und SA waren Hitlers Prätorianergarden, Regiert wurde mittels Notverordnungen, Presse und Rundfunk wurden „gleichgeschaltet“. Der sog. „Röhm-Putsch“ diente den Nazis als Hebel, alle konkurrierenden Kräfte „auszuschalten“. „Abweichler“ wurden „liquidiert“ oder eingesperrt. Die Westmächte schauten dem Treiben ruhig zu, trieben „Appeasement“ (=Beschwichtigung) und erhoben drohend den Zeigefinger: „Du, du, du!“
Es scheint, als kopiere die deutsche Regierung die Politik der Westmächte damals. Dabei wären energische Maßnahmen möglich und dringend nötig: Einstellung der finanzielle Subvention der Türkei durch die EU, Abbruch jeder Verhandlung über den EU-Beitritt, Kündigung des „Flüchtlings-Abkommens“, Herbeiführung einer UN-Resolution, diplomatische Demarchen, Abbruch der Zusammenarbeit in der NATO, energisches Vorgehen gegen Anhänger Erdogans in der Bundesrepublik (Regimegegner werden bereits mit dem Tode bedroht!)…. Was noch? Wenigstens das wäre geboten. Stattdessen Sendepause in Berlin, allenfalls lauwarme Proteste, „Werfen von Wattebäuschen“ (Cem Özdemir). Der Skandal ist perfekt! Gebt doch endlich zu, dass es FASCHISMUS ist, was sich dort entwickelt. Und handelt!

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Sonntag, 17. Juli 2016
Ikonen des Widerstands
Ikonen des Widerstands
(taz vom 14.7.2016, S. 13)

Als ich vor einigen Tagen erstmalig das Bild von der Verhaftung einer jungen farbigen Frau durch weiße Polizisten in Baton Rouge sah, fiel mein – männlicher – Blick zunächst auf die optisch dominante Frau, u.a. weil sie optisch isoliert war, vor allem aber, weil sie für mich der interessanteste Bildteil war.
Die Autorin des Artikels „Ikonen des Widerstands“ (taz vom 14.7.2016, S. 13) behauptet dagegen, das Bild werde – quasi wie ein Text – von links nach rechts gelesen. Ich vermute dagegen, dass ihr – weibliches - größtes Interesse den Polizisten galt.
Die weit verbreitete Meinung, Bilder würden wie Texte gelesen, ist längst überholt. Bereits Andreas Feininger berichtet in „Kompositionskurs der Fotografie“ (1974) von Untersuchungen mit Augenkameras, die die Augenbewegungen beim Betrachten eines Bildes aufzeichnen. Danach nehmen die meisten, wenn nicht alle Betrachter zunächst den Bildteil des größten Interesses in den Blick. Erst dann betrachten sie die Einzelheiten des Bildes genauer und zwar keineswegs planvoll, sondern auf der Bildfläche vagabundierend. Ernst Weber („Sehen, Gestalten und Fotografieren“ 1990) bestätigt das: „Ecken und Winkel (bilden) die markantesten Signale für das Erkennen und (…) für die Speicherung im Gehirn.“ Der Sehweg verläuft nach einem Schema, das von Person zu Person und von Vorlage zu Vorlage variiert.
Die Versuche von Röll/Wolf „Bildgestaltung“ (1993) sind deswegen nicht beweiskräftig, weil sie den Probanden nicht Bilder, sondern Zahlenreihen vorlegten, die tatsächlich wie Texte gelesen werden: von links oben nach rechts unten.
Derlei Erkenntnisse von anerkannten Koryphäen sollten nicht einfach unterschlagen werden. Näheres siehe http://www.kunst-fotografie.com/#bildgestaltung.

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Freitag, 15. Juli 2016
Meine deutsche Identität
Angesichts von Brexit und Rechts-Populismus – vor allem in den ost-mitteleuropäischen Ländern – müssen wir uns der eigenen Identität versichern.
Identität bedeutet, dass man sich eins fühlt mit einem Zustand, einer Sache. Wenn ich meine deutsche Identität definieren soll, fällt mir zunächst ein, womit ich mich nicht eins fühle: die faschistische Vergangenheit, die neue deutsche Großmannssucht, die mir besonders im Ausland unangenehm auffällt. Pegida, NSU und andere rechtsextreme Tendenzen.
Zu meiner Identität gehören weniger nationale, als vielmehr abendländische Bausteine: Demokratie, Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit – das ist klar auf der politischen Ebene.
Aber womit fühle ich mich darüber hinaus eins? Als ich vor vielen Jahren auf der Rückfahrt von einer längeren Türkeireise im Radio Frank Sinatras "Strangers In The Night" hörte, fühlte ich mich schon fast wieder zu Hause. Meine deutsche Identität ist vor allem eine kulturelle, aber eben nicht eine deutsch-nationale. Natürlich: bei deutscher Kultur fallen auch mir schnell Goethe, Schiller, Beethoven und Mozart (Stop: ein Österreicher!) ein. Und natürlich Heine (der Jahre seines Lebens nicht in Deutschland leben konnte) und Marx (dasselbe) und Döblin und Brecht (ebenfalls ein Emigranten) und Grass und ... ein. Aber genauso wichtig für meine Identität sind angesichts der sozial-politischen und kulturellen Wüstenei der 50er Jahre Camus und Sartre, Django Reinhardt, Salinger und Ellington. Dann Sidney Bechet, Jack Dupree, Miles Davis und Dizzi Gillespie, die lange in Europa lebten, weil sie die Rassendiskriminierung in USA nicht ertrugen. Und Jimi Hendrix, der einen seiner großen Erfolge ausgerechnet auf Fehmarn erzielte. Und gilt nicht Carla Bley in Deutschland mehr als in New York? Und Bill Haley und Elvis Presley und die Beatles oder die Stones, die musikalisch und gesellschaftlich in Deutschland mehr bewegten als Freddy und "Friedel Hentsch und die Cypries". Und James Dean, Humphrey Bogard, Paul Newman, Alain Resnais, Tati, Godard, Chabrol, Truffaut und, und, und, die alle wichtiger waren als Heinz Ehrhard, Rühmann und all die anderen deutschen Kino-Knatterschargen. Und ich bin heute noch dankbar, dass ich 1958 wegen Unbotmäßigkeit vom "altsprachlich-humanistischen" Gymnasium flog und etwas Ordentliches, nämlich Französisch und Englisch lernen durfte.
Deutsche Identität ist für mich ein - im Laufe der Jahre wechselnder - politischer Standort: die zunächst mehr emotionale, dann immer bewusstere und entschiedenere Opposition gegen die Adenauer-Republik, gegen alten und neuen Faschismus, dann für mehr Demokratie in allen gesellschaftlichen Bereichen, die sozialen Bewegungen, die vage Hoffnung auf eine deutsche Wiedervereinigung, die Resignation, dass sie nicht mehr kommt, die Euphorie, als sie dann tatsächlich sozusagen über Nacht da war, die anschließende Ernüchterung. Auch die Empörung über Krieg und Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung in den abhängigen Ländern.
Meine deutsche Identität ist auch ein geografische. Die Ostsee von Litauen bis Dänemark gehört dazu, nicht jedoch Bayern; Wattenmeer und Marsch von Dänemark bis Holland, die Lüneburger Heide und Berlin, der hessische Altrhein, der Odenwald und Bremen, früher mal die Nordseeinseln, bis ich sie wegen chronischer Piraterie zu meiden begann. Litauen und Dänemark als Indizien deutscher Identität? Ganz gewiss nicht im Sinne revanchistischer Rückeroberungsgelüste. Aber die neue Reisefreiheit zeigt mir, wie viel Litauen, Dänemark und Pommern gemeinsam haben. Deutsche Identität ist nicht gleich staatliche Identität. So wenig wie Kultur in Deutschland noch als deutsche Kultur definiert werden kann, so wenig macht deutsche Identität an den Staatsgrenzen Halt. Wer aber meint, dass Deutschland so weit reichen soll wie die deutsche Zunge, begibt sich in gefährliche Nähe zu faschistischer Ideologie. Der israelische Philosoph Yeschajahu Leibowitz, gebürtiger Balte, studierte in Heidelberg, hat es als das Konstituens nationalsozialistischer Eroberungsgelüste gewertet, dass Hitler die deutsche kulturelle Identität - und das war damals in erster Linie die sprachliche - mit der staatlichen Identität zur Deckung bringen wollte. Das nicht!
Meine deutsche Identität ist auch eine menschliche. Es sind Freundinnen und Freunde aus politischen Auseinandersetzungen, mit denen mich berufliche Tätigkeit verbindet, mit denen ich Urlaub gemacht habe, mit denen ich gute Gespräche führen und mich streiten kann. Es sind meine aus Ostpreußen geflüchteten Klassenkameraden - immerhin ein Drittel - aus der Volksschule, die früh meine Neugier für diese Landschaft und ihren Dialekt weckten. Später dann waren es Grass, Bobrowski und Lenz, die mich nach Osten trieben. Auffällig ist: es sind alles Deutsche, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass ein Migrant darunter sein könnte, fast 1:10 ist. Aber Freunde im Ausland haben auch etwas mit meiner deutschen Identität zu tun, etwa die israelischen Freunde, die ich gewann, weil ich mich mit unserer faschistischen Vergangenheit auseinander setzte. Oder der alte Mann in dem südfranzösischen Provinzcafé, der uns zwischen zwei cafés noirs sein Schicksal als Zwangsarbeiter in Frankfurt schilderte. Und da sind wir wieder am Anfang: deutsche Identität heißt auch, sich verantwortlich zu fühlen dafür, was die Nazis und alle, die sie heimlich oder offen unterstützten oder duldeten, in Europa angerichtet haben. Und da bin ich auch sehr nahe an meiner Familie, mit der mich - ob ich es möchte oder nicht - auch eine deutsche Identität verbindet.
Dies alles lässt sich nur individuell und sehr subjektiv definieren. Schon der/die Nächste kann und wird sich mit ganz anderem identisch fühlen. Wie soll das unter einen Hut passen?
Gesellschaftliche Integration unterschiedlicher Identitäten heißt, dass die Vielschichtigkeit und Offenheit dieser Gesellschaft als Chance und nicht als Einengung verstanden wird. Das setzt Großzügigkeit und Toleranz, die Freiheit von Angst vor dem Andersartigen voraus. Um sich nicht von Andersartigem bedroht zu fühlen, müssen die Menschen innere und äußere Sicherheit spüren. Das eine heißt: Ich-Stärke und Selbstbewusstsein. Das andere heißt: Keine Angst vor Armut oder Arbeitslosigkeit, vor Vertreibung und Abschiebung, vor tätlichen Angriffen und Aggressivität im Alltag haben zu müssen. Es bedeutet, dass andere Meinungen, andere Verhaltensweisen, andere Kulturen mindestens ertragen werden müssen. Es kann aber auch bedeuten, dass wir die Anderen ernst nehmen und das Gute der jeweils anderen Kultur annehmen. Dabei gelten zwei Voraussetzungen: die andere Kultur muss menschlich, demokratisch und gerecht sein. Und es gibt keine Toleranz für diejenigen, die unmenschlich, undemokratisch und ungerecht sind.
Brexit und Rechts-Populismus – vor allem in den ost-mitteleuropäischen Ländern – drängen diese Werte ins Abseits. Wo wird Europa enden?

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